6 gute Gründe, klein zu traden

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Es gibt einige Vorstellungen über Trading, die in der Praxis nicht haltbar sind. Eines davon ist der Glaube, dass erfolgreiche Trader riesige Positionen fahren. Das wird in den Medien vielleicht so dargestellt, und auf einige bekannte Beispiele insbesondere im längerfristigen Bereich mag das auch zutreffen. Nicht aber im kurzfristigen Trading. Das weiß ich nicht nur aus vielen Trader-Interviews, sondern auch aus eigener Erfahrung.

Aber woher kommt eigentlich der Drang, möglichst groß zu traden? Meist einfach daher, um damit große Gewinne zu erzielen und „schnell reich zu werden“. Das allerdings ist genau die falsche Perspektive, nämlich die der Gier. Kein guter Ausgangspunkt, um an der Börse erfolgreich zu werden.

Viel besser ist die Perspektive des Risikos. Das bedeutet, in etwa so zu denken: „Was, wenn es sofort und komplett schief geht? Wie komme ich dann halbwegs heil wieder aus der Sache raus?“. Früher oder später wird genau diese Situation eintreten, und dann muss man sowohl vom Prozess her als auch mental darauf vorbereitet sein. Wer zuerst an das Risiko und erst dann an die Rendite denkt, hat langfristig deutlich bessere Karten. Doch es gibt noch weitere Gründe, warum der Handel mit kleinen Positionen sinnvoll ist.

 

Es sind mehr Trades gleichzeitig möglich

Wenn jede Position klein ist, können auf dem Handelskonto mehr Positionen gehalten werden, bis die Margin-Auslastung erreicht ist. Natürlich sind mehr Positionen nicht immer besser. Die Trades sollten sorgfältig ausgewählt und die Positionen untereinander möglichst gering korreliert sein. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann mit mehr Positionen ein kontinuierlicheres Ergebnis erreicht werden. Da man nie weiß, welche Trades besonders gut laufen werden, können sich dabei sogar bessere Renditen ergeben.

 

Es sind (fast) keine Emotionen im Spiel

Je größer die Positionen sind, desto eher wird man emotional, statt objektiv und rational zu denken. Und das ist ein ganz großes Problem. Denn es führt oft zu den wirklich entscheidenden Fehlern. Viel besser ist es, so klein zu traden, dass die Emotionen im Wesentlichen außen vor bleiben. Nicht so klein, dass es völlig egal ist, was aus dem Trade wird, aber zumindest so klein, dass der Ausgang eines einzelnen Trades keine besondere Rolle mehr spielt.

 

Positionen lassen sich problemlos über Nacht halten

Manche Trader können abends nicht einschlafen, weil sie ständig an ihre offenen Positionen denken müssen. Wenn das der Fall ist, dann sind ganz einfach die Positionen und damit die Risiken zu groß. Der Trader läuft Gefahr, emotional zu handeln. Bei kleineren Positionen ist es dagegen einfacher, Trades über Nacht zu halten und den Setups so die Möglichkeit zu geben, sich tatsächlich entsprechend des Handelsplans zu entfalten.

 

Man kann scheinbar waghalsige Einstiege umsetzen

Mit kleinen Positionen ist es zum Beispiel möglich, eine Aktie zu kaufen, die gerade mächtig nach unten abrutscht und eine wichtige Unterstützung durchbrochen hat. Nach klassischer technischer Analyse ein klares Verkaufssignal. Dort long einzusteigen würde sich so mancher Trader kaum trauen. Aber warum? Weil der Trade gegen die Intuition und gegen die aktuelle Marktstimmung ist? Oder ganz einfach weil die geplante Position und damit das Risiko zu groß wären? Ist die Position dagegen klein, kann man diesen Einstieg wagen. Und nicht selten erweisen sich gerade die brisanten Setups später als hervorragende Trades.

 

Es kann kurzzeitig (!) ohne Stopp gehandelt werden

Dies ist ein kontroverses Thema, denn oft wird empfohlen, niemals ohne Stopp zu handeln. Aus gutem Grund. Denn schon viele Trades ohne Stopp wurden genau deswegen zum absoluten Desaster. Allerdings kann es während und kurz nach dem Einstieg in eine Position sinnvoll sein, zunächst keinen Stopp zu setzen und den Markt erst seine genaue Handelsspanne finden zu lassen. Natürlich nur dann, wenn man ganz genau weiß, was man tut und es im eigenen Regelwerk entsprechend so vorgesehen ist. Und nur dann, wenn die Position eben klein genug ist, sodass man sich dieses kurzzeitige Risiko leisten kann.

 

Es ist leichter, gute Trades länger zu halten

Wenn ein Trade mit hoher Positionsgröße ins Plus läuft, dann muss man ihn erstmal lange genug (aus)halten können, um tatsächlich die entsprechende Rendite zu erzielen. Das gelingt aber vielen nicht, da sie ihre Gewinne lieber schnell sichern möchten (Dispositionseffekt). Klein zu traden führt dagegen dazu, dass man im Gewinnfall nicht so schnell zum Ausstieg neigt, da es sich einfach noch nicht lohnt. Der scheinbare Nachteil, dass man nicht so schnell große Gewinne erzielt, lässt sich also ganz gut dadurch ausgleichen, dass Gewinn-Trades im Durchschnitt länger gehalten werden.

 

Fazit

Große Positionen sind ein tolle Sache für die Medien. Jeder kennt die Geschichte von George Soros, wie er gegen die Bank of England wettete und rund eine Milliarde Dollar verdiente. Ich wage aber zu behaupten, dass niemand von uns entsprechende Informationen und schon gar nicht so ein dickes Fell hat. Die Risiko-Perspektive ist daher das wichtigste Argument für das Handeln mit kleinen Positionen, aber wie der Artikel gezeigt hat, gibt es noch weitere Vorteile.

Ein guter Grund, groß zu traden wäre dagegen, wenn wir etwas sicher wissen. Zu wissen, dass eine Gewinnwarnung oder ein Übernahmeangebot kommt. Diesen Gefallen tut uns der Markt natürlich nicht. Wenn wir im Trading das Gefühl haben, etwas zu „wissen“, wird es meist gefährlich. Scheinbares Wissen führt zu Overconfidence, und Overconfidence führt auf Dauer zu Underperformance.

2 Kommentare zu 6 gute Gründe, klein zu traden

  1. Diese Einstellung kann ich nur bestätigen. Zumal einige kleine Positionen in Kombination sehr grosses erreichen können.

  2. Dietmar Orth sagt:

    Auch das ist meine entscheidende Erkenntnis gewesen, dass langfristige Gewinne nur mit, im Verhältnis kleine Positionen möglich sind. Und es beruhig die Nerven ungemein. 🙂

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