Die besten Trading-Bücher: Trading Psychology 2.0

Trading Psychology Best Practices Processes Brett Steenbarger Wiley

 

Das heutige Book Review ist ein echter Hammer. Brett Steenbarger ist einer der bekanntesten und angesehensten Trading-Psychologen weltweit. Und das aus gutem Grund: Nur wenige können neben Expertenwissen aus der Psychologie auch umfangreiche praktische Trading-Erfahrungen vorweisen. Da er beide Dimensionen gut kennt, kann er Probleme im Trading viel besser verstehen. Jahrelang arbeuiete Brett Steenbarger als Trader-Coach unter anderem bei Hedgefonds.

Nun hat er sein neues Buch veröffentlicht. Na gut, es ist schon wieder ein paar Monate her, ich war nicht schnell genug mit dem Lesen. Das Buch hat es ins sich: Mehr als 400 Seiten vollgepackt mit Trading-Psychologie vom Feinsten. Meine einzige Kritik ist, dass sich der Autor an einigen Stellen durchaus hätte kürzer fassen und auf ein paar Details wie den $TICK-Indikator verzichten können. In diesem Review versuche ich, die wichtigsten Dinge zusammenzufassen. Aber eines schon vorab: Wirklich kurz wird es Review nicht…

 

If you don’t have time to do it right, when will you have the time to do it over? (John Wooden)

 

Vorwort

We tend to work hard, not smart. Vom Organisieren unserer täglichen Routinen bis hin zum Review unserer Ergebnisse – selten handeln wir wirklich optimal. Um das zu verbessern, soll dieses Buch einen Beitrag liefern.

Es reicht nicht aus, einen Vorteil am Markt zu finden. Man muss sich anpassen und neue Vorteile finden können, wenn alte Muster nicht mehr funktionieren; denn jede Handelsstrategie kann ihren Edge verlieren. Damit wird Trading zur Performance-Disziplin, in der Überzeugung und die Bereitschaft, Risiken einzugehen mit der Fähigkeit zu flexiblem Denken einhergehen. Und wie bei jeder Performance-Disziplin kann es niemand jemals vollständig und endgültig meistern. Es wird immer eine Lücke geben zwischen dem, was wir sind, und dem, wer wir werden können.

 

Introduction

Brett Steenbarger beschreibt verschiedene Eigenschaften, die er bei erfolgreichen Tradern beobachten konnte:

● Anpassungsfähigkeit: Schnelles Anpassen der Risiken, je nachdem, ob der Markt die Erwartungen bestätigt oder widerlegt

● Kreativität: Entwickeln eigener, origineller Handelsansätze, die der „Ideenfabrik“ des Traders entstammen.

● Produktivität: Organisieren der Zeit und Aktivitäten ist effizient (viel schaffen in kurzer Zeit) und effektiv (die richtigen Dinge tun). Bessere Ideen sind das Ergebnis vom Durchdenken möglichst vieler Anfangsszenarios.

● Selbstmanagement: Routinen, um im idealen Zustand für Trading-Entscheidungen zu sein und zu bleiben. Oft geschieht das durch Optimieren des Lebens außerhalb vom Trading.

 

Das, was Trader gut macht, sind ihre besten Praktiken. Also sinnvolle Methoden, um Kapital anzulegen und Risiken zu managen. Aber das, was sie zu den besten Tradern der Welt macht, sind ihre besten Prozesse – detaillierte Routinen, die ihre besten Praktiken in konsistente Gewohnheiten verwandeln.

 

Best Process #1: Adapting to Change

Das Kapitel beginnt mit dem Restaurantbesitzer Emil. Der Vorbesitzer hatte aufgegeben, nachdem der Markt sich veränderte und es immer schlechter lief. Emil führt das Geschäft aus der Krise in den Erfolg, indem er ein völlig neues Konzept entwickelt. Dieses Konzept basiert auf der Idee von Veränderung und dem Anspruch, den neuen Bedürfnissen der Kunden gerecht zu werden.

Wenn gestandene Experten frustriert sind oder scheitern, ist das häufig ein Hinweis: Es fehlt nicht an den Fähigkeiten, sondern an der Anpassung an die „Evolution“ des Geschäfts. So auch im Trading. Um aber Dinge verändern zu können, dürfen wir unser Herz und unsere Seele nicht untrennbar mit dem verbinden, was wir bisher getan haben. Denn wenn eine bestimmte Analyse oder Trading-Methode unsere Identität wird, sehen wir die Alternativen nicht. Oder besser gesagt, wir wollen sie nicht sehen. Ein fataler Fehler, denn im Trading geht es um Gewinne, nicht um Selbstbestätigung.

Die entscheidenden Faktoren, die Kurse treiben, verändern sich mit der Zeit. Erfolgreiche Trader müssen das erkennen und sich daran anpassen. Läuft der Markt linear, funktioniert Trendfolge. Läuft er zyklisch, funktionieren Umkehrstrategien bei Stärke und Schwäche. Sobald sich ein Trader auf eine konkrete Denkweise festlegt, kann dies bereits die Grundlage für spätere Probleme bei veränderten Bedingungen sein.

Die erfolgreichsten Trader passen sich am schnellsten an neue Marktbedingungen an. Die meisten Trader, die scheitern, konnten sich dagegen nicht anpassen. Ihnen fehlten nicht etwa die psychologischen Voraussetzungen fürs Trading. Sie scheiterten an einer methodischen Ursache. Daher müssen Trader stets flexibel sein, um erfolgreich zu bleiben.

Kleine Rücksetzer zu meistern hilft uns, die großen Veränderungen zu überstehen. Indem man Veränderung als Herausforderung statt als Gefahr sieht, schafft man Selbstvertrauen und Durchhaltvermögen und baut eine „Brücke in die Zukunft“. Die guten Zeiten sorgen dafür, die Energie und Inspiration für die schlechten Zeiten zu bewahren.

Kleine Veränderungen bringen wenig, wenn veränderte Märkte eine qualitative Veränderung erfordern. Solange das nicht der Fall ist, sollte man den täglichen, wöchentlichen und monatlichen Gewinnen und Verlusten nicht allzu große Bedeutung beimessen; dann helfen kleine Anpassungen, um auf Kurs zu bleiben. Das Problem dabei ist häufig, zu erkennen, was von beidem gerade der Fall ist. Bei rein diskretionären Tradern kommt noch hinzu, dass sie auf Basis einer kleinen Anzahl an Trades nicht feststellen können, ob die Ergebnisse auf ihrer Methode oder purem Glück beruhen.

Brett Steenbarger zeigt ein Beispiel des Traders Maxwell. Statt weiterhin Levels in den Märkten zu antizipieren, musste er umdenken. Er ging dazu über, Kauf- und Verkaufsdruck in Echtzeit zu identifizieren. Mustererkennung war seine Brücke in die Zukunft. Maxwell erkannte, dass er zu den „Idioten“ am Markt gehört, wenn er versuchte, die Marktbewegung vorauszusehen. Er lernte stattdessen, mit einfachen Hilfsmitteln auf der richtigen Seite des Marktes zu bleiben.

Viele Effekte verzerrter Wahrnehmung sind eine Folge des „schnellen Denkens“. Wenn dieser kognitive Modus die Kontrolle übernimmt, sind wir auf die kurzfristigen Kursbewegungen fixiert und tendieren dazu, alles zu überinterpretieren. Wir erleben Verlustangst und verlieren die Verbindung zu unseren Stärken als Trader. Unser analytisches „langsames Denken“ gerät in den Hintergrund.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Overconfidence. Dieser Modus herrscht vor, wenn wir das Gefühl haben, eine „endgültige Lösung“ im Trading gefunden oder nie wieder Probleme im Leben zu haben. Oder, wenn wir glauben, keine Gewinne und Verluste mehr analysieren oder uns jemals wieder an andere Marktbedingungen anpassen zu müssen. Wer sich gerade in einer Overconfidence-Phase befindet, läuft Gefahr, aufgrund zu starker Überzeugung hohe Risiken einzugehen und besonders verwundbar zu sein. Zugleich ist man in diesem Zustand am wenigsten dazu in der Lage, sich an veränderte Marktbedingungen anzupassen.

Hier entsteht auch der Zwiespalt zwischen Selbstvertrauen und Flexibilität. Es ist schwierig, beides zu vereinen. Viele Trader schätzen ihre Fähigkeiten als überdurchschnittlich gut ein – oft selbst dann, wenn deren Ergebnisse dem widersprechen. Letztlich braucht man beides: Selbstvertrauen, um erfolgreich zu sein; und Flexibilität, um dauerhaft erfolgreich bleiben zu können.

Ein weiterer Punkt ist der innere Antrieb. Oft wissen wir genau, was zu tun ist, aber wir setzen es nicht um. Hier kann eine Analyse helfen, herauszufinden, unter welchen Umständen wir es in der Vergangenheit geschafft haben, die gewünschte Handlung sauber durchzuführen. Diese Umstände gilt es dann zu kultivieren.

Man kann sagen, dass sich ein Mensch im Prinzip nie wirklich ändert. Was er aber tun kann, ist, neue Wege zu finden, um die treibende Motivation und die Ziele im Leben zu definieren. Prokrastination entsteht in diesem Sinne, wenn wir uns dazu zwingen möchten, etwas zu tun, statt uns von unserer inneren Motivation zu der gewünschten Handlung ziehen zu lassen. Disziplin allein hilft hier wenig. Aber Gewohnheiten können dabei helfen, unsere Kernmotivation zu aktivieren, sodass wir wieder mit dem emotionalen Strom schwimmen und entsprechend handeln können. Zugleich helfen Gewohnheiten, unsere Handlungen zu automatisieren und entsprechend mehr unserer begrenzten Energie auf die wirklichen Herausforderungen zu verwenden.

Eine dieser Herausforderungen sind Verlust-Trades. Oft werden Verluste als Bedrohung wahrgenommen. Aber nur, wenn das Risikomanagement schlecht ist, sind Verluste eine finanzielle Bedrohung. Andernfalls sind sie eher eine Bedrohung für das Selbstvertrauen – vor allem dann, wenn unser Selbstmanagement schlecht ist. Ein anderer Weg ist, Verluste einfach wahrzuhaben. Sie sind der Grund dafür, unser Trading Review zur Gewohnheit werden zu lassen. Und das ist die Grundlage dafür, dass wir uns im Zeitablauf überhaupt an veränderte Märkte anpassen können. So lassen sich Methoden entwickeln, bei denen Stopps und Kursziele an den jeweiligen Markt angepasst sind.

Dies lässt sich beispielsweise durch Skalierung anhand der aktuellen Volatilität bewerkstelligen. Auf diese Weise kann Veränderung automatisch im Trading-Ansatz umgesetzt werden. Adaption wird so selbst zur Gewohnheit. Erfahrene Profis können verschiedene Trader-Typen sein, wenn die Märkte es verlangen. Sie finden mehrere Wege, zu gewinnen.

Im nächsten Punkt geht es um emotionale Intelligenz im Trading. Brett Steenbarger schreibt, dass unflexible Trader wie Leute auf einer Party sind, die uns ein langes Gespräch ans Knie nageln. Sie sind so fokussiert auf ihre eigene Sicht der Dinge, dass sie überhaupt nicht auf die Signale des Marktes hören. Ein emotional intelligenter Trader kann unterscheiden, wann er aktiv traden und wann er besser an der Seitenlinie sein sollte. Phasen größerer Risikopositionen wechseln sich dann mit Phasen erhöhter Vorsicht ab. Verluste werden als Lehren betrachtet statt als bloße Gefahr.

Wirkliche Veränderung beginnt oft dann, wenn es dringend wird. Eine Möglichkeit, dies zu erzeugen, ist, so hohe Performance-Ziele zu setzen, dass man sie mit konventionellen Mitteln nicht erreichen kann. Das Risiko ist nun nicht mehr die Veränderung, sondern der Status Quo. Manchmal fühlt man sich hilflos, wenn man spürt, dass man eine Situation nicht verändern kann – obwohl Veränderung vielleicht gar nicht schwer zu erzielen ist. Um diese Learned Helplessness zu überwinden, müssen Situationen geschaffen werden, in denen man sieht und fühlt, dass Veränderung einen Effekt hat. Und sei es nur auf kleiner Skala.

Eine Möglichkeit dazu ist die externe Perspektive. Was würden wir zu einem guten Freund sagen, der sich in unserer Situation befindet? Oft ist das viel positiver als unser innerer Selbstdialog. Das verändert die Perspektive und wie wir über unser Denken denken. Auf diese Weise lässt sich das Muster durchbrechen, negative Ergebnisse gleich als Scheitern zu interpretieren. Es befreit uns aus der Opferrolle und dem Gefühl des Ausgeliefert-Seins, die negatives Denken mit sich bringt.

Nun müssen wir unser Denken nur noch durch eine konstruktive Perspektive ersetzen. „Ich kann nicht“ oder „Ich traue mich nicht“ basiert auf dem Gedanken, dass die Gefahr von Verlusten höher ist als die Gefahr des Nichtstuns. Eine andere Sichtweise wäre, das Nichtstun als Verrat am eigenen Lebenswerk zu betrachten. Diese neue Perspektive schafft plötzlich auch eine Gefahr, falls man nicht tradet. Mit anderen Worten: Finde eine Motivation, die stärker ist als das Problem. So kann die gewünschte Veränderung ein ganz natürlicher Effekt werden.

Eine Sache, die unsere Motivation zerstören kann, ist Perfektionismus. Es ist eine Barriere zwischen Nachdenken und tatsächlichem Handeln. Die Wahrheit ist, dass Perfektionismus durch Unsicherheit getrieben wird. Der Perfektionist sagt sich „nicht gut genug“. Diese Botschaft, dass unsere Bemühungen nicht gut genug sind, führt immer wieder zu kleinen Niederlagen – selbst bei Gewinnen, die wir eigentlich als kleine Siege feiern sollten. Perfektionismus zerstört auf diese Weise das eigene Selbstvertrauen.

Wichtig ist daher ein achtsamer mentaler Zustand. Wenn dieser vorherrscht, reagieren wir nicht einfach nur auf Situationen. Statt dessen beobachten wir uns selbst, was wir tun. Statt sich zu sagen „Ich bin ein totaler Versager und kriege nichts auf die Reihe“ würde man es so sehen: „Jetzt sage ich mir selbst, dass ich ein totaler Versager bin und nichts auf die Reihe kriege“. Im ersten Fall identifizieren wir uns mit der negativen Botschaft. Im zweiten Fall sind wir lediglich Beobachter. Ein riesiger Unterschied. Es ist kein Zufall, dass der Großteil der Rückfälle bei Drogen, Rauchen und Essstörungen durch negativen emotionalen Stress hervorgerufen werden, mit dem wir uns zu stark identifizieren.

Zum Abschluss des Kapitels kommt der Autor auf einen interessanten Trugschluss zu sprechen: Oft glauben Trader, dass schlechte Performance eine psychologische Ursache hat. Das stimmt aber meist nicht. Denn statt dessen schauen diese Trader nicht nach Veränderungen im Markt oder überlegen, wie sie sich anpassen können. Das ist letztlich eine Ausweich-Strategie: Statt einen ernsthaften, schwierigen Blick auf das tatsächliche Trading zu werfen und Dinge zu verändern, gehen sie einfach davon aus, dass die Ursache einfach psychologisch bedingt ist. Das ist auch der Hauptgrund, warum der Autor keine unerfahrenen Trader coacht.

Fazit des Kapitels: Es reicht nicht, heute unseren Vorteil am Markt zu handeln. Wir müssen immer auch den Vorteil von morgen finden können.

 

Best Process #2: Building on Strengths

Man kann nicht nur wegen Defiziten scheitern, sondern auch, weil man seine größten Stärken nicht ausspielt. Und die müssen wir erstmal kennen. Es ist daher für angehende Trader wichtig, verschiedene Märkte und Handelsstile auszuprobieren und (auf einem Demokonto) zu handeln. Nur so lässt sich herausfinden, wie wir unseren Talenten, Fähigkeiten und Interessen am besten folgen können. Auch bei der Wahl des „richtigen“ Coachs kann das entscheidend sein. Wenn es keinen Fit zwischen den Stärken beider Personen gibt, wird die Zusammenarbeit wahrscheinlich nicht gut funktionieren.

Zu oft versuchen wir, in einer Umgebung zu arbeiten, die unsere Stärken nicht fördert. Um das künftig zu vermeiden, ist im Buch ein Test eingebaut, mit dem man seine Stärken ermitteln kann. Es dauert etwas, alles zu beantworten, aber die Aufgabe lohnt sich. Denn auf die Stärken, die uns schon in anderen Lebensbereichen zum Erfolg verholfen haben, können wir auch im Trading bauen. Erfolgreiche Trader lieben die Märkte, weil sie genau die Stärken belohnen, die Begeisterung in ihr Leben bringen.

In vielen Trader-Journals dominieren allerdings Probleme und Frustration. Das ist nicht hilfreich, denn der Fokus muss auf unseren Stärken liegen. Um erfolgreich zu werden, muss Trading in unser Leben passen – nicht umgekehrt. Es darf nicht im Widerspruch zu unseren grundsätzlichen Bedürfnissen stehen. Gleichzeitig sollten die Märkte zwar Begeisterung hervorrufen, aber wir dürfen nicht besessen von ihnen sein.

Auch der Zeithorizont ist entscheidend. Wer beispielsweise gut darin ist, Dinge kreativ zu durchdenken und zu planen, könnte vom schnellen Intraday Trading überfordert sein. Beim Wechsel auf einen längeren Zeithorizont können die Ergebnisse dagegen deutlich besser ausfallen, da genug Zeit für die Analyse der Ein- und Ausstiegskriterien ist und ohne die Hektik des kurzfristigen Handels die Umsetzung diszipliniert erfolgen kann. Zusätzlich besteht dann die Option, Research bestimmter Analysten zuzukaufen und die Märkte so aus einer alternativen Perspektive beurteilen zu können.

Brett Steenbarger zieht einen Vergleich mit einer guten Ehe. Ähnliche Werte und ein vergleichbares Temperament bei zugleich unterschiedlichen (!) Stärken können ein Rezept für eine lange, glückliche Beziehung sein. Gute Partner multiplizieren ihre Stärken und machen sich gegenseitig besser. Beispielsweise könnte der eine Partner zielstrebig und erfolgsorientiert sein, der andere dagegen emotional intelligent und sensibel für zwischenmenschliche Beziehungen.

Ganz ähnlich könnten auch Trader in einer kleinen Gruppe voneinander profitieren. Beispielsweise ein Trader mit gutem Marktgespür und Ideen zusammen mit einem quantitativen Trader und einem Programmierer. Wer dagegen immer nur auf eigene Faust handelt, kann Gefahr laufen, sich zu isolieren und in seiner Entwicklung zu stagnieren. Die Isolation einzelner Trader führt zu einem eingeschränkten Blick sowie reaktivem Verhalten und trägt sicher auch zur niedrigen Erfolgsquote in diesem Geschäft bei. Die besten Trader, so der Autor, haben sehr aktive und starke Netzwerke zu anderen Händlern.

Entscheidend ist, dass wir unsere größten Stärken erkennen und fürs Trading nutzen. Nur so können wir unsere stärkste Motivation und Begeisterung aktivieren. In der Realität sind allerdings nur wenige Menschen so stark mit ihrer Arbeit verbunden. Eine Studie in insgesamt 142 Ländern zeigte, dass sich nur 13 Prozent aller Arbeitsnehmer in ihrem Job wirklich engagiert fühlen. Der Grund: Stellenausschreibungen sind nicht auf die Stärken der jeweiligen Person zugeschnitten. Statt dessen sollen die Bewerber zu vordefinierten Aufgaben passen.

Die Frage muss also lauten: Wie stark sind wir in den spezifischen Aufgaben engagiert, die Trading erfordert? Dazu gehören beispielsweise Analyse, Trade-Planung, Positionsmanagement und Trade Review. Schon kleine, aber kontinuierliche Verbesserungen des Prozesses haben auf Dauer großen Einfluss auf unsere Performance. Die besten der Besten werden nicht nur besser; sie werden besser im Besserwerden.

 

Everyone has the will to win, but far fewer have the will to prepare to win. (Basketball Coach Bob Knight)

 

Es gibt ein gutes Maß dafür, wie engagiert wir wirklich sind: Die Zeit, die wir auf die Trade-Vorbereitung und Verbesserungen verwenden im Vergleich zur Zeit fürs tatsächliche Trading und Beobachten der Kurse. Zocker möchten auch gern Geld verdienen, aber das macht sie nicht zu guten Performern. Wirklich gute Trader sind wettbewerbsfähig gegenüber sich selbst: Sie tracken ihre Ergebnisse fortlaufend und suchen stets nach Möglichkeiten, sich zu verbessern.

Wir müssen unsere Stärken ausbauen. Sie in die täglichen und wöchentlichen Prozesse einbauen. Performance-Verbesserungen erreichen wir, indem wir unsere Grenzen kennen und diese langsam nach außen hin verschieben. Durchschnittliche Ergebnisse werden sich niemals zu Verbesserungen aufaddieren. Nur die besten Trades und die besten Prozesse können Trader zu Elite-Performern machen. Dazu müssen wir aktiv werden und die Komfortzone immer wieder verlassen.

Die besten Trader leben ihren Job. Für sie ist es kein komfortabler Lifestyle ohne Arbeit. Wer das vom Trading erwartet, wird niemals lange genug durchhalten, um seine Stärken ausbauen und sich an die Märkte anpassen zu können. Man muss die tatsächliche Arbeit des Tradings lieben; den Prozess statt der bloßen Ergebnisse.

Erfolgreiche Menschen haben die Gewohnheiten verinnerlicht, die Erfolg bringen. So erreichen sie eine Konsistenz, die andere niemals mit ihrer zerbrechlichen Willenskraft erreichen können. Selbst dann, wenn es gut läuft, schauen die besten Trader, wie sie noch besser werden können. Sie beobachten andere Märkte und suchen nach weiteren Handelsideen, mit denen sie sich beschäftigen können. Die Motivation ist nicht das reine Trading, sondern das Besserwerden. Einige könnten schon lange in Rente gehen, aber sind fortlaufend motiviert, noch größere Ziele zu erreichen.

Wie aber kann man überhaupt so weit kommen? Es ist notwendig, sich immer wieder mit Dingen wie schwierigen Trades, Verlusten und Fehlern auseinanderzusetzen und daraus Rückschlüsse für ein besseres Vorgehen in der Zukunft abzuleiten. Das ist schwer, sehr schwer. Denn sich mit diesen Problemen zu beschäftigen ist etwas, was die wenigsten Menschen auf emotionaler Basis gern tun möchten. Die besten Performer dagegen stehen dies durch und lassen sich nicht vom Weg abbringen.

Mentale Ausgeglichenheit ist dafür eine der wichtigsten Voraussetzungen. Gute Trader sind „Worriers“ und „Warriors“. Sie sind bereit, Risiko einzugehen. Gleichzeitig wissen sie, dass sie nicht overconfident sein dürfen. Sie bereiten sich ständig für die Möglichkeit einer ungünstigen weiteren Entwicklung vor. Durch den Mix aus positiven und negativen Emotionen schaffen sie es, überdurchschnittliche risikoadjustierte Renditen zu erzielen.

Es geht vor allem darum, wie lange wir uns in positiven und negativen Zuständen befinden. Jeder Mensch hat ein etwas anderes, „natürliches“ Level von positiven und negativen Emotionen. Ideal scheint der „Conscientious Trader“. Er ist sehr diszipliniert und geht nach klaren Regeln und Prozessen vor. So bleibt er fokussiert und ist vergleichsweise frei von emotionalen Impulsen und Verzerrungen. Anderen Menschen kann das dagegen sehr schwer fallen.

Unsere Performance wird vom emotionalen und physischen Zustand mitbestimmt. Und diese hängen zu großen Teilen von unserem Leben außerhalb des Tradings ab. Der Autor nennt eine Liste an Dingen, wie wir positiven Einfluss nehmen können – unter anderem durch Bewegung, soziale Kontakte und das Setzen realistischer Erwartungen. Wenn wir nicht glücklich und zufrieden sind, fehlt uns die nötige Energie, sodass wir schnell in andere Gedanken abdriften. Ein Beispiel dafür ist das übermäßige Beobachten der Kurse auf dem Bildschirm und das „Micro-Managen“ von Positionen. Viel positiver wäre es dagegen, Chancen zu erkennen und diese anhand vordefinierter Setups so zu nutzen, dass sich die Dinge im Zeitablauf entwickeln können.

Wir müssen herausfinden, was konkret uns im Trading-Alltag positive Energie verschafft. Vor, während, und nach dem eigentlichen Trading. Nicht nur reagieren, sondern aktiv werden und agieren. Das kann auch bedeuten, den Bildschirm zu verlassen und abseits der Intraday-Schwankungen Positionen zu überdenken und zu planen. Wenn wir ein suboptimales Energielevel im Leben haben, neigen wir zu wenig Disziplin und geringer Willenskraft. Es ist dann schwierig, regelmäßig wirkliche Begeisterung und Lebensfreude zu entwickeln, was sich wiederum negativ auf die Energie auswirkt.

Meditation ist eine gute Methode, um störende Gedanken zu beruhigen. Dadurch schwächt sich auch der Fight-or-Flight-Effekt ab und wir verbessern unsere Selbstkontrolle. Eine weitere Idee ist die Konfrontationsübung: Hier stellen wir uns genau vor, wie eine ungünstige Situation aussieht, bleiben aber gleichzeitig ruhig und atmen kontrolliert. Das hilft, entspannt und fokussiert zu bleiben, wenn dieses Szenario tatsächlich einmal eintritt.

Positive Emotionen sind grundsätzlich hilfreich. Sie weiten den Blick für die Welt und helfen dabei, Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten, die uns ansonsten vielleicht verborgen geblieben wären. Zwar werden wir auch mit positivem mentalen Zustand von negativen Ereignissen belastet, aber können uns davon viel schneller wieder erholen. Wir sehen die Dinge eher aus der Beobachter-Perspektive und können eine ungünstige Kursbewegung mit ruhigem Fokus bewerten, statt das Gefühl zu haben, die Kontrolle zu verlieren.

Eine besonders hilfreiche positive Emotion ist Enthusiasmus. Leider ist es so, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter weniger enthusiastisch werden. Sie stecken bei ihren Zielen zurück. Sie verlieren das innere Glühen, etwas wirklich zu lieben. So auch im Trading. Viele sprechen über die Märkte als Kriegsschauplätze, an denen sie sich jeden Tag für den Kampf vorbereiten. Andere wiederum sind frustriert und sehen die Märkte als dysfunktional oder manipuliert an.

Wie wäre es aber, wenn wir die Märkte einfach lieben würden? Wir müssten uns nicht zwingen, Research zu betreiben, zu analysieren und Ergebnisse auszuwerten. Nichts könnte unsere Begeisterung stoppen. Wir würden jeden neuen Tag mit Vorfreude beginnen, so wie wir dem nächsten Teil unserer Lieblings-Fernsehserie entgegenfiebern.

Wir sollten im Leben aber stets etwas haben, das wichtiger ist als Trading. Der Grund ist, dass die Märkte nie ganz oben auf unserer emotionalen Wohlfühl-Ebene stehen dürfen. Wenn das der Fall wäre, bestimmen Verluste und Gewinne unsere Stimmung, Energie und unser Selbstbewusstsein. Oft liegen die Antworten für Trading-Probleme letztlich darin, die positiven Dinge in unserem übrigen Leben zu schätzen und auszubauen.

Wichtig für unsere Energie ist ein optimales Umfeld. Um dies zu schaffen, müssen wir alles herausfiltern, was suboptimal ist. Kein Fast Food im Kühlschrank; kein Tagesgeplänkel im Newsfeed; kein nutzloser Zeitvertreib auf Social Media; keine Zeitverschwendung mit schwierigen Leuten; und so wenig Zeit wie möglich mit Dingen verbringen, die uns wertvolle Energie rauben.

Dankbarkeit für die Dinge, die wir haben, ist ein starkes Instrument. Es lässt uns auf positive Dinge im Leben fokussieren und macht uns glücklicher. Perfektionismus hat den gegenteiligen Effekt: Es führt zu unrealistischen Erwartungen und Frustration. Indem man sich ständig darauf fokussiert, was nicht gut läuft, versiegt auch die Dankbarkeit für die eigentlich positiven Dinge. So beraubt man sich des eigenen Erfolgsgefühls, was sich im Lauf der Zeit negativ auf Motivation und Performance auswirkt.

Brett Steenbarger empfiehlt daher, ein Journal der positiven Dinge in unserem Leben zu führen. Außerdem hilft es, sich vorzustellen, wie viel schlechter die Dinge im Worst Case sein könnten. Kleine visuelle Dinge wie Klebezettel können uns im Alltag immer wieder daran erinnern, wofür wir alles dankbar sein können. Und wir sollten uns mit unseren Stärken befassen, um eine Aufwärtsspirale zu erzeugen und uns wohl zu fühlen. Letztlich ist dies Deliberate Practice auf psychologischer Ebene: Lernen außerhalb der Komfortzone im Zusammenspiel mit den eigenen Stärken und positivem mentalem Zustand.

Abschließend gibt der Autor in diesem Kapitel noch ein paar nützliche Tipps. Davon möchte ich hier 3 ausgewählte Punkte zusammenfassen:

● Den Handelstag im Voraus planen, um sicherzustellen, dass Informationen so verarbeitet werden, wie es unseren Stärken entspricht

● Das Umfeld optimieren, um entspannt arbeiten zu können und das richtige Maß an Informationen zu finden (Stimulation statt Ablenkung)

● Performance sowohl aus positiver als auch aus negativer Sicht auswerten; Stärken für die Zukunft ausbauen, Fehler vermeiden

 

Best Process #3: Cultivating Creativity

In der „alten Trading-Psychologie“ war der ideale Trader jemand, der diszipliniert Regeln befolgt. In Brett Steenbargers „Trading Psychology 2.0“ ist dies dagegen ein kreativer Unternehmer, der neue Muster und Regeln entdeckt und ausnutzt. Denn die Welt und die Märkte verändern sich – und mit ihnen die Strategien, die funktionieren.

Trader, die dauerhaft erfolgreich sind, haben Gemeinsamkeiten. Sie besitzen Vision, Kreativität, sind proaktiv und nutzen Gelegenheiten für sich aus. Der Kern des Tradings bleibt vielleicht auf Jahre gleich, aber durch gelegentliche neue Details oder Strategien können sie sich gleichzeitig veränderten Marktbedingungen anpassen. Statt nur das heutige Portfolio zu managen, muss man auch daran denken, das von morgen zu entwickeln. Die Kreativität dazu ist ein Prozess, der sich aus der tiefgründigen Beschäftigung mit den eigenen Handelsprinzipien ergibt.

Viele Trader scheitern, weil sie ineffiziente Geschäftsmodelle betreiben. Abseits von anderen Argumenten wie „Effizienten Märkten“ oder verhaltenswissenschaftlichen Effekten ist dieser Punkt entscheidend: Trading muss als Unternehmen funktionieren. Es muss die genannten Elemente Vision, Kreativität, Proaktivität und Opportunismus aufweisen. Die Dinge, die täglich zu tun sind, müssen klar festgelegt sein; andernfalls überlassen wir es dem Zufall, was getan werden muss, um erfolgreich zu traden. Wer aber sein gesamtes Trading starr festlegt, macht zu lange die falschen Dinge weiter, wenn die Märkte sich verändern.

Manche Trader sind zu beschäftigt, um das zu erkennen. Sie sind fokussiert auf Screenings, Filter und den eigentlichen Handel und sehen nicht, dass sich der Markt verändert. Ein Beispiel sind Momentum-Bewegungen. Aktien kleiner Unternehmen haben oft klarere Trends als große Werte. Wenn niedrige Volatilität und geringes Volumen vorherrschen und die Märkte gerade nicht in einem Trend verlaufen, funktioniert es oft, eine Momentum-Bewegung zu faden, sobald sie ins Stocken gerät. Bei hohem Volumen und Trends am Aktienmarkt sind Bewegungen, die ins Stocken geraten, dagegen häufig nur Pausen in einer viel größeren Bewegung.

Kreativität braucht aber auch Zeit. Wir sollten nicht einfach von der Vorbereitung in den Trade springen. Wie bei einem Puzzle müssen die einzelnen Teile zusammengefügt werden. Es geht nicht darum, hart zu arbeiten, sondern effektiv. Das kann bedeuten, eine Pause einzulegen und sich so die Möglichkeit zu geben, die Dinge zu reflektieren. Oft kommen die besten Ideen gerade dann, wenn wir den Fokus für eine Weile auf etwas anderes richten. Hier kommt auch wieder ins Spiel, ob wir Trading wirklich lieben: Kreative Menschen lieben es, Dinge zu überlegen und zu entwickeln – aber nur dann, wenn sie eine Sache auch wirklich gern tun.

Diese Begeisterung für die Märkte kann aber verschwinden. Nicht selten starten Trader ihre Karriere voller Enthusiasmus, nur um festzustellen, dass es keinen Spaß macht, Verluste einstecken und für die eigene Arbeit mitunter ein Minus hinnehmen zu müssen. Vor allem dann, wenn man mitbekommt, wie andere Trader zur gleichen Zeit Erfolge feiern können. Dann kann es schnell passieren, dass Motivation, Zuversicht und Produktivität rapide abnehmen. Es fehlt dann nicht an Disziplin oder ausreichenden Bemühungen. Es fehlt daran, Stärken auszubauen, sich ständig zu verbessern und kreativ den Märkten anzupassen. Es fehlt daran, den Prozess über die Ergebnisse zu stellen.

Eine Möglichkeit, sich langsam heranzutasten, ist das nebenberufliche Trading. So kann man selektiv handeln und gleichzeitig den Druck herausnehmen, da Einkommen aus dem normalen Vollzeitjob vorhanden ist. Trading auf diese Weise als „Hobby“ zu betreiben ist eine Möglichkeit, das Ganze als eine Karrieremöglichkeit auszuloten.

Auf dieser Reise wird es immer wieder Stolpersteine geben. Hier kann ein Reframing des Problems helfen. Statt zum Beispiel zu fragen, wohin der Markt geht, könnte man schauen, ob er eher stärker oder schwächer wird. Statt sich auf Fehler und Frustrationen zu fokussieren, können wir uns fragen, welche Regeln diese Fehler in Zukunft vermeiden können. Was kann ich diese Woche tun, um ein besserer Trader zu werden als letzte Woche? Der Fokus auf Verbesserung schafft erreichbare Ziele und lässt uns langsam unseren idealen Trading-Zustand finden.

 

What are three rules I can follow today that would prevent me from making yesterday’s mistakes? (Brett Steenbarger)

 

Statt nur auf den Markt zu reagieren, antizipiert der kreative Trader. Er sieht aber nicht die Zukunft voraus, sondern plant in Szenarien und überlegt die dann jeweils nötigen Schritte. Er liebt die Jagd nach neuen Ideen und beschwert sich nie über schwierige, langsame oder irrationale Märkte. Er hat es zur täglichen Gewohnheit gemacht, eine bestimmte Menge an Szenarien zu „produzieren“, also zu entwerfen und durchdenken. Beispielsweise Szenarien einer Trendbewegung oder eines Reversals, einer Makro- oder einer einzeltitelspezifischen Bewegung. Die jeweiligen Kursreaktionen können sehr verschieden sein, da jeweils andere Gruppen an Marktteilnehmern aktiv sind.

Oft haben Trader ineffiziente Lernstrategien aufgrund der herausfordernden Bedingungen. Auch, wenn sie intelligent und motiviert sind, können sie an den Märkten leicht einem Information Overload unterliegen. Typisch dafür sind emotionale Probleme wie Stress, Frustration und die Angst, Trades einzugehen. Ein Ausweg kann es sein, sich auf die wirklich essenziellen Dinge zu fokussieren. Was machen diejenigen, die erfolgreich sind – welchen Prozessen folgen sie? Dieser lösungsorientierte Ansatz bringt uns weiter, als von Anfang an nach psychologischen Problemen und deren möglichen „tiefen Wurzeln“ (die es meist gar nicht gibt) zu suchen. Wenn wir die wenigen entscheidenden Merkmale des aktuellen Marktes anschauen, finden wir zudem auch historische Beispiele als mögliche Analogien.

Zum Abschluss kommt Brett Steenbarger auf die Unabhängigkeit eines Traders zu sprechen. Sie darf nicht in Isolation münden. Wer sich mit anderen austauscht, braucht keine Angst zu haben, seine „Geheimnisse“ zu verraten. Viel gefährlicher ist es, mit sich selbst in den eigenen Gedanken gefangen zu sein. Was allerdings scheitern muss, ist eine Trader-Gemeinschaft mit autoritärem Anführer – denn ohne Innovation und offenen Dialog kann letztlich keine Organisation auf Dauer bestehen. Es muss eine Kultur herrschen, in der Fehler als natürlicher Teil der Lernkurve betrachtet werden und das Denken in genau diesen Bahnen erfolgt:

● Ausgestoppt zu werden ist ein Erfolg des Risiko-Managements

● Verluste können neue, kreative Ideen hervorbringen

 

Fazit des Kapitels: Kreativität ist die neue Disziplin. Man hat nie einen einzelnen, festen, dauerhaften Vorteil am Markt. Die Märkte und Trading-Gelegenheiten verändern sich, und erfolgreiche Trader passen sich – wie ein Unternehmer – diesen Bedingungen an. Disziplin und Selbstkontrolle mögen nach wie vor wichtig sein, aber sie sind allein nicht ausreichend.

 

Best Process #4: Developing and Integrating Best Practices

Oft werden erfolgreiche mit nicht erfolgreichen Tradern verglichen. Allerdings kann man auch beide Gruppen mit sich selbst vergleichen – und zwar in den jeweils erfolgreichen und erfolglosen Phasen – um für sich selbst herauszufinden, was wirklich die besten Prozesse sind. Das ist allerdings schwierig, wenn dafür keine ausreichend gute qualitative Datenbasis vorhanden ist. Es kann also ein Vorteil sein, diese Daten für die eigenen Strategien zu sammeln, um später Auswertungen der mehr und weniger erfolgreichen Phasen vorzunehmen. Einige Hedgefonds haben es auf diese Weise geschafft, ihre Vorteile noch konsistenter auszuspielen.

Ein weiterer Schritt ist es, gute Praktiken in feste Routinen und Gewohnheiten zu fassen. Ein Mittel, um dies im Lauf der Zeit zu erreichen, sind einfache Checklisten der jeweiligen Trading-Bedingungen, die für Ein- oder Ausstiege erfüllt sein müssen. Gleichzeitig gilt es, bestehende Gewohnheiten anhand eines Performance Reviews daraufhin zu überprüfen, ob sie weiterhin wie gehabt stimmig sind oder ob Anpassungen vorgenommen werden müssen. Prozessorientierung macht nur dann Sinn, wenn einzelne Elemente bei Bedarf fortlaufend aktualisiert werden. Das macht den Unterschied zwischen gutem und hervorragendem Trading aus, stellt aber vor allem für Eigenhandelsfirmen häufig ein Problem dar. Bei wirklich prozessorientiertem Trading sind die Daten der König.

Viele Trading-Firmen scheitern an einem ähnlichen Grund wie andere Unternehmen: Ihnen fehlen einfach die Ressourcen, um auf Dauer mit der Konkurrenz mithalten zu können. Noch schwieriger ist es für private Trader. Denn sie müssen gleich mehrere Dinge in einer Person ausüben: Research, Trading-Ideen, Positionen eröffnen und managen, Performance Reviews. Es ist fast wie eine einzelne Person, die versucht, ein Restaurant zu betreiben. Trading kann hier nur funktionieren, wenn man selektiv ist und sich auf die eigenen Stärken und die besten Setups beschränkt. Dann kann genug Energie bleiben, die übrigen Funktionen ebenfalls auszufüllen. Statt eines Restaurants betreibt man also ein spezialisiertes Catering Business. Das Ziel ist es letztlich, einen Ansatz zu finden, der vom Prozess her auf Dauer durchgehalten werden kann.

Es folgt eine Liste an Fragen, mit denen ein Process Review des eigenen Tradings erfolgen kann. Hier einige ausgewählte Punkte:

● Was sind charakteristische Dinge, die ich tue, wenn ich gut/schlecht trade?

● Wie zeichne ich die Dinge auf, die ich gelernt habe, sodass ich es nicht wieder vergesse?

● Wie verarbeite ich die Informationen, die ich im Lauf des Tages/der Woche sammle?

● Wie wähle ich Trades aus, damit sie gut in mein Portfolio passen und mein Risiko ausgewogen bleibt?

● Wie gehe ich typischerweise mit Emotionen um, wenn ich gut/schlecht trade?

● Wie nutze ich die Gedanken, Emotionen und das Verhalten, das ich bei mir beobachte, um meine Performance zu verbessern?

 

Trader sollten mit den Fragen beginnen, die ihnen das größte Verbesserungspotenzial bieten. Entscheidend dafür ist, zu wissen, wo die eigenen Stärken liegen und woraus man den Vorteil am Markt zieht. Profis beobachten und messen ganz genau, was sie tun. Es ist wichtig, auf zusätzliche Dinge neben dem Kurs oder bloßen Indikatoren zu schauen, um so eine wirkliche Verbesserung der Trading-Fähigkeiten zu erreichen. Man kann als durchschnittlich guter Lehrer oder Koch davon leben – aber nicht als durchschnittlich guter Trader! In einem Performance Business fühlen sich viele berufen, aber nur wenige können es schaffen.

Um „Erfolg“ zu definieren, muss man wissen, wo Trading im eigenen Leben steht. Es geht darum, die Reise zu genießen und sich darauf zu fokussieren, besser zu werden – wie in jeder Performance-Disziplin. Aber nie darauf, perfekt zu sein. Trading muss eine Quelle des guten Gefühl sein, sonst wird es nie eine Quelle des Erfolgs. Wer sich selbst als aufstrebenden Trader sieht, muss sich zudem fragen: Führe ich ein erfolgreiches Trading Business? Wenn jemand anderes mein Trading Business betreiben würde, wäre ich dann bereit, darin zu investieren?

Der Rest des Kapitels sind insgesamt 57 Best Practices. Auf 100 Seiten fasst Brett Steenbarger hier seine umfangreiche Erfahrung aus der Arbeit mit unzähligen Tradern zusammen. An dieser Stelle möchte ich einige ausgewählte Punkte vorstellen, die mir von der Idee her besonders gefallen haben:

● Tracking Volatility and Correlations: Tiefs werden häufig unter hohen Korrelationen („Stock Market“) und hohem Volumen erreicht, Hochs dagegen bei niedrigem Volumen und geringen Korrelationen („Market of Stocks“); Bewegungen mit hohen Korrelationen und hoher Volatilität neigen eher dazu, sich fortzusetzen

● Sizing Positions for Sound Risk Control: Sicherstellen, das Worst Case Szenario zu überstehen; Übernacht-Beurteilung anhand des aktuellen Vola Regimes; große Verluste bringen Fokus auf P&L und weg vom Marktgeschehen; Zeitebene für Trade verlängern ist analog zu höherer Positionsgröße

● Managing Opportunity as well as Risk: In Anfangsphase klein traden, um Schocks zu minimieren und Vertrauen zu entwickeln; später aber Chancen mit sinnvoller Size nutzen statt zu undertraden; kein überhöhter Fokus auf Gewinn- und Verlustphasen und keine vorschnelle Anpassung der Size je nach Verlauf der letzten Trades; gute Frage: Wenn der Markt sofort in meine Richtung läuft und das Traget erreicht, bin ich dann zufrieden mit dem Trade, oder ärgere ich mich, weil die Position zu klein/das Target zu nah war?

● Dissecting Your Winning and Losing Trades: Nicht auf reines Ergebnis schauen, sondern darauf, ob es ein guter Trade war oder nicht; Checklisten erstellen (und bei Bedarf erweitern), die wichtigste Dinge für Trades auflisten, um kein wichtiges Detail aus früheren Fehlern zu übersehen; „We want to become learning machines so that we are ever evolving.“

● Collecting Trading Metrics: Unsere Erinnerungen können uns täuschen, was Setups angeht, da einzelne Ereignisse herausstechen; Aufzeichnungen sind objektiv; wie Wahrscheinlichkeiten im Poker: aber wir entscheiden, ob und wieviel wir bieten

● Staying in Love with Markets: Psychologisch positive Aspekte müssen überwiegen, sonst große Gefahr des (unnötigen) Scheiterns im Trading; Antrieb durch ständige Herausforderung, Orientierung auf Problemlösung, unabhängiges Arbeiten, intellektuelle Neugier und das Sehen der eigenen Erfolge; allerdings kann der Enthusiasmus verschwinden, wenn wir kein Geld verdienen oder uns das Auf und Ab emotional ausbrennt; eine Lösung ist es, sich auf das zu fokussieren, was uns anfangs am stärksten motiviert hat, mit dem Trading zu beginnen; die Beziehung zu den Märkten ist in dieser Hinsicht ähnlich wie zu unserem Lebenspartner; Fokus auf das, was Freude und Interesse schafft und dies als Teil der täglichen Routine einbauen, damit jeder Tag ein bisschen Erfüllung beinhaltet

● Tracking and Intercepting Negative Self-Talk: Bewusstsein über unsere negativen „Selbstgespräche“ schaffen; Perfektionismus (im Nachhinein bereuen und uns selbst niedermachen, warum wir nicht dies oder das besser gemacht haben, nagt an Selbstvertrauen); negatives Denken (Denken, dass nichts, was wir tun, etwas bringt – führt zu verpassten Gelegenheiten, weil man sich hilflos und hoffnungslos fühlt); Lösung: negative Selbstgespräche mit positiven Bildern ersetzen, Gedanken durch Visualisierung verändern

● Training Ourselves to Stay Calm and Focused: Nicht Teil der Herde sein, indem wir dem Fight-or-Flight-Effekt erliegen; gute Trader haben Routinen, um ruhig und fokussiert zu bleiben, wenn Positionen gegen sie laufen, sind weniger emotional

● Joining a Team, Building a Team: Regelmäßige Treffen, in denen Ideen und Research geteilt wird; gegenseitige Unterstützung und Fokus schaffen, voneinander lernen; wichtig, dass Teilnehmer der Gruppe zueinander passen und jeder einen wichtigen Beitrag liefert

● Using Meditation to Improve Decision Making: Fokus und richtigen State of Mind schaffen und erhalten, um gute Entscheidungen in der Hitze des Gefechts treffen zu können; drei große Vorteile von Meditation: 1) verbesserte Selbstkontrolle (achtsamer Beobachter der eigenen Emotionen statt deren Opfer), 2) bessere Intuition (erfahrene Trader haben oft gute Intuition, die aber durch Marktbewegungen und Fight-or-Flight überschattet werden kann), 3) besseres Gefühl beim Trading (nicht von Angst dominiert, eine Bewegung zu verpassen oder Geld zu verlieren)

● Becoming Rule-Governed in Your Trading Practice: Die richtigen Dinge in Gewohnheiten transferieren, sodass sie uns leicht fallen; die besten Trader arbeiten hybrid – sie treffen diskretionäre Entscheidungen, aber orientieren sich dabei an festen, getesteten Regeln

● Finding and Focusing on Your Trading Edge: Sobald man seinen Vorteil kennt, kommt der Erfolg durch Vereinfachung und den Fokus auf die wichtigsten Elemente; Minimalismus als gutes Konzept, alles entfernen was nicht essenziell ist, schafft Fokus und Vertrauen sowie Intuition dafür, wann das Setup nicht funktioniert

● Adapting to Markets Through Scenario-Based Preparation: Die besten Trader lieben die Vorbereitung, antizipieren eine Reihe möglicher Szenarien und legen sich ihre Reaktionen darauf zurecht, um nicht überrascht zu werden (Trendfortsetzung, Konsolidierung, Umkehr); erleichtert die richtige Reaktion und Umsetzung im Trading

● Organizing Your Trading Business: Zeit für Research und Marktbeobachtung muss angegrenzt sein von Zeit fürs tatsächliche Trading und von der Zeit, in der wir an uns selbst arbeiten und unsere Performance verbessern; schafft ein positives Gefühl der Kontrolle

● Developing Your Trading Framework: Intuition ist das Ergebnis ausführlicher Beschäftigung mit einem bestimmten Thema, beispielsweise der Mustererkennung in der Charttechnik; erfahrene Trader können Intuition von emotionalen Impulsen unterscheiden, indem sie eine Liste der wichtigsten Eigenschaften ihrer besten Trades abrufbar haben (und wissen, wie sie diese nutzen)

● Adding to Your Process Through the Power of Elimination: Herausfinden, was wirklich wichtig ist und den Rest weglassen, um die Hürden zu verringern und Trading zu vereinfachen; zusätzliche Bedingungen in Strategien oft nur aus Unsicherheit hinzugefügt, macht es aber in Wirklichkeit zu komplex; weniger ist mehr führt zu stärkerem Selbstvertrauen

● Planning Your Trading Business: Manche wollen keinen festen Plan machen, weil sie befürchten, das schränkt ihre Kreativität ein bzw. ihre Fähigkeit, schnell reagieren zu können; ein Plan ist aber wichtig, sowohl für die Strategien an sich als auch auf Trade-für-Trade-Basis; ideal sind Checklisten, um wichtigste Dinge zu beachten, dadurch auch keine unnötige Einschränkung – wenn man sein Trading nicht in Checklisten fassen kann, hat man keinen klaren Trading-Prozess!

 

Brett Steenbarger fasst die Best Practices am Ende nochmal in drei Punkten zusammen. Zum einen beziehen sich viele dieser Dinge auf entscheidende Herausforderungen wie die Organisation des Tradings, eine positive Einstellung und Trade-Reviews. Um den Trading-Prozess zu verbessern, sollte man sich auf eine Sache fokussieren, nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig. Und drittens ist der Erfolg letztlich davon abhängig, die eigenen Stärken zu identifizieren und diese maximal auszunutzen. Steenbarger empfiehlt, die Entwicklung eines Traders als individuelles Abenteuer zu betrachten. Am Trading zu arbeiten bedeutet, an sich selbst zu arbeiten – und das ist wohl das erfüllendste Abenteuer überhaupt.

 

Conclusion: From Best Practices to Best Processes

Dieses Kapitel ist sehr kurz. Es fasst nochmals die 4 Prozesse zusammen, die für erfolgreiches Trading entscheidend sind:

● Anpassen an sich ständig verändernde Märkte

● Aufbauen sozialer, emotionaler, kognitiver und persönlicher Stärken

● Kreativität kultivieren

● Best Practices für jeden Aspekt im Trading entwickeln

 

Everything in Life is Use it or Lose it. Im Trading-Geschäft arbeiten wir an Ideen, am Verwalten von Trades, und am Management von uns selbst sowie unserer Performance. Und dazu müssen wir stets am Ball bleiben. So wie Brett Steenbargers Katze, die im letzten Satz erwähnt wird:

 

If we explore enough places and look at enough things, eventually we’ll be like Mia and figure out how to open doors. (Brett Steenbarger)

2 Kommentare zu Die besten Trading-Bücher: Trading Psychology 2.0

  1. Max sagt:

    Hii da steht in einer Textpassage,

    Er lernte stattdessen, mit einfachen Hilfsmitteln auf der richtigen Seite des Marktes zu bleiben.

    und welche Hilfsmittel sind das ?

    • MarkoMarko sagt:

      Tape Reading, also indem er Kauf- und Verkaufsdruck aus dem Verhalten von Kurs und Volumen in Echtzeit erkennt und darauf reagiert. Genaueres steht nicht im Buch, aber ich nehme an, dass man eine Menge Erfahrung und Selbstkenntnis braucht, um das in kurzen Intraday-Zeitfenstern bewerkstelligen zu können

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