Hitzeschlacht beim Ironman Hawaii

Ironman Hawaii Teilnehmer King Kamehameha Kona Big Island

 

08. Oktober 2016, um 4 Uhr morgens. Seltsamerweise bin ich kaum aufgeregt und konnte tief und fest schlafen. Ich habe in den letzten Tagen nicht mehr trainiert und bei unseren ganzen Unternehmungen ziemlich gut abschalten können. Sorgen bereitet mir nur die rechte Hüfte, die seit dem Marathon in Eibenstock schmerzt und wegen der ich nun schon 3 Wochen Laufpause machen musste. Nicht gerade ideal, aber ich werde schon irgendwie durchkommen.

Auf dem Weg nach Kona läuft alles glatt. Kaum Verkehr und jede Menge kostenfreie Parkplätze in der Einkaufsecke nahe dem Stadtzentrum. Das einzige, was schiefgeht, verbocke ich selbst: Ich habe schon Sonnencreme auf den Armen, bevor auf dem Weg zum Schwimmen die Startnummern aufgetragen werden. Die halten dann natürlich nicht richtig und müssen zeitraubend nachgebessert werden. Dennoch bin ich noch rechtzeitig zum Platzieren der mit 13 Gels (!) gefüllten Trinkflasche am Rad und auch rechtzeitig zum Schwimmstart im Wasser.

 

Schwimmen Schwimmstart Kailua Bay Ironman Hawaii Big Island

Alle sind an der Startlinie im Wasser aufgereiht – gleich geht’s los!

 

Dann der Startschuss. Ich habe mich links im Feld positioniert, da dort weniger Geprügel ist. Aus dem gleichen Grund starte ich auch ein paar Meter hinter der vordersten Front. Die Rechnung geht auf: Ich bekomme kaum Schläge ab und kann das Schwimmen dank guter Orientierung vom Testschwimmen besser als erwartet durchziehen. Einzig die stark beschlagene Schwimmbrille führt zu etwas Zick Zack, dafür muss ich in Zukunft noch eine Lösung finden.

Der Wechsel aufs Rad läuft gut. Doch auf den ersten rund 10 km geht überhaupt nichts. Anders als gewohnt werde ich permanent überholt. Irgendetwas stimmt nicht. Zwar fahre ich aus Angst vor einem Platten immer noch mit den schwereren (und langsameren) Pannenschutz-Reifen, aber so langsam können die doch gar nicht sein oder!?

Ich halte an und checke das Rad. Luftdruck ist top, daran liegt’s schonmal nicht. Dann drehe ich am Hinterrad – und siehe da, aus irgendeinem Grund blockiert es. Ich drehe den Schnellspanner auf und mache ihn wieder zu. Jetzt läuft es rund. Keine Ahnung, was da beim Zusammenbauen schiefgelaufen ist. Ich hatte ja gestern sogar eine kurze Probefahrt gemacht. Egal, weiter geht’s, die paar Minuten lassen sich verschmerzen!

Die rund 90 km bis nach Hawi hoch laufen ganz gut. Zwar bläst zwischendurch ein ziemlicher Wind, aber das war ja zu erwarten. Allerdings ist es heißer als bei meiner Trainingsfahrt, wo ich ja auch schon 8 Liter trinken musste. Also an jeder Verpflegungsstation eine neue Wasserflasche nachtanken. Unterwegs sehe ich viele Teilnehmer mit platten Reifen – scheinbar hat der Veranstalter die Straße doch nicht wie versprochen gründlich geputzt. Ich bin ganz froh, die langsameren, aber sicheren Reifen drauf zu haben.

Leider schaffe ich es nicht, mehr als einen Riegel zu essen. In der Hitze bekomme ich einfach nichts Festes runter. Die 13 Gels in der Flasche müssen reichen. Dann kommen mir die Profis entgegen – eine große Gruppe inklusive Jan Frodeno und Sebastian Kienle, die ich in der Spitzengruppe erkenne. Wenig später dann die Profi-Frauen. Hier gibt es eine Doppelführung. Eine der beiden Athletinnen ist die Favoritin für den WM-Titel, Daniela Ryf.

Auf dem Rückweg von Hawi macht sich das viele Wasser bemerkbar. Ich lege einen „mobilen Boxenstopp“ ein, den mir Cameron ein paar Tage zuvor erklärt hat. Damit verliert man weniger Zeit als bei einem Stopp am Dixi. Auf dem weiteren Weg muss ich ganz schön aufpassen und mich fest am Rad halten, denn es kommen immer wieder heftige Böen von der Seite, die einen fast von der Straße blasen. Jetzt weiß ich, warum Scheibenräder auf Hawaii verboten sind.

Wenig später werden die Bedingungen immer schwieriger. Der Wind kommt jetzt konstant von vorn. Ich überhole kaum noch andere Teilnehmer, was sonst auf dem Rad eigentlich immer gut klappt. Irgendwie fühle ich mich ungewohnt langsam. Liegt das vielleicht doch an den Reifen? Auf den letzten 60 km muss ich immer mehr „beißen“. Es fühlt sich einfach nicht rund an. Als würde ich gegen Windmühlen kämpfen, während die Power in den Beinen immer weiter schwindet.

Irgendwann kommt die erlösende Einfahrt nach Kona. Ich wanke ins Wechselzelt und setze mich hin. Viel länger als sonst. Mir ist schwindlig. Ich bin fix und fertig, das habe ich noch nie erlebt. Mein Kopf glüht und ich glaube, dass ich einen Hitzschlag habe. Keine Ahnung, ob ich überhaupt loslaufen soll.

 

Rad Radfahren Ironman Hawaii Kona Big Island

Hier komme ich grad zur Wechselzone (hinterer Fahrer). Endlich runter vom Rad!

 

Ein paar Minuten vergehen. Zumindest muss ich es probieren. Ich stehe auf und jogge los. Es fühlt sich an, als würde ich heute niemals ankommen. Was mache ich hier eigentlich? Marathon rennen, obwohl es mich gleich aus den Latschen haut? Ich sehe keinen Sinn mehr und weiß, dass das Rennen gelaufen ist. Keine Chance, meine Zielzeit von unter 10 Stunden noch zu erreichen.

Doch dann setze ich mir ein neues Ziel: Einfach nur irgendwie ins Ziel kommen, egal wie schnell. Das ist es doch, was immer alle sagen – nicht aufgeben, auch wenn es mal schlecht läuft. Ich erreiche nach etwa 2 km die erste Verpflegungsstation und halte gefühlte 5 Minuten an, um Kopf und Arme in die Tonne mit dem Eiswasser zu stecken – endlich die ersehnte Abkühlung!

Aber so schnell erholt sich der Körper nicht. Es ist brütend heiß und es geht kein Wind. Dann der Gedanke an die bewährte Mentaltaktik: „Nur an den Verpflegungsstationen gehen oder stehen bleiben, aber niemals dazwischen“. Ich schaffe es, zwischen den Stationen im Schneckentempo durchzujoggen. Dafür verbringe ich an jeder Station ein paar Minuten damit, mich von Kopf bis Fuß mit Eiswasser zu kühlen. Nur so kann ich es schaffen, die Körpertemperatur wieder zu senken.

 

Laufen Laufstrecke Kona Ironman Hawaii Big Island

So sieht das erste Stück der Laufstrecke in Kona aus.

 

Nach etwa 10 km geht es etwas besser. Ich bin mir sicher, es nicht mehr bei Tageslicht ins Ziel zu schaffen – aber das ist momentan völlig egal. Alles, was zählt, ist das Finish, also nicht irgendwo umzukippen. Nach rund 15 km sehe ich meinen Papa am Streckenrand. Jetzt habe ich einen guten Laufrhythmus gefunden, aber die angeschlagene Hüfte und die vom Wasser aufgequollenen Füße machen sich langsam bemerkbar. Micha sehe ich kurz darauf oben am Highway. Ich mache eine Gehpause und erzähle ihr vom miserablen Rennverlauf.

Die restlichen 25 km sind ziemlich langweilig. Auf dem Highway geht es raus bis fast zum Flughafen, dort in das berüchtigte Energy Lab und dann den gleichen Weg zurück. Auf der breiten Straße fühle ich mich unendlich langsam. Doch gegenüber den anderen Teilnehmern ist mein Tempo jetzt wieder ganz gut. Ich schütte mir weiterhin an jeder Station Eiswasser über den Kopf, aber brauche dafür jetzt immer nur etwa 1 Minute, bis ich weiterlaufe.

 

Laufen Laufstrecke Queen Ka'ahumanu Highway Ironman Hawaii Big Island

Ein großer Teil der Laufstrecke geht entlang des Highway. Nicht gerade abwechslungsreich…

 

Ab dem Energy Lab spüre ich, wie die Kraft zurückkommt. Echt verrückt, aber gerade jetzt, auf den letzten knapp 15 km, kann ich die schnellsten Splits des Marathons laufen! Ich setze mir ein neues Ziel: Finish bei Tageslicht. Noch vor 2 Stunden völlig undenkbar.

Bei Kilometer 35 frage ich einen Zuschauer nach der Uhrzeit. Nach kurzer Kopfrechnung die Erkenntnis, dass sogar ein Finish unter 11 Stunden noch drin ist, wenn ich weiter unter 5 Minuten pro Kilometer laufe. Eigentlich eine ziemliche Enttäuschung, aber unter den gegebenen Umständen das Beste, was ich noch rausholen kann. Ich spüre, dass der Körper wieder ein paar Reserven hergibt und drücke nochmal aufs Tempo. Die Hüfte schmerzt, aber das ist jetzt auch egal.

 

Ziel Kona Ironman Hawaii Big Island

Da wollen alle hin: Der Zielbogen beim Ironman Hawaii.

 

Die letzten Meter versuche ich, so gut es geht zu genießen. Kurz vorm Ziel meine „Fans“, dann der Zielbogen und das erlösende Finish. Ich lasse das Jubeln sein und laufe einfach durch. Es ist vorbei! Endlich. Der Irrsinn ist vorbei. Ich humple durch den Zielbereich zum Hotelstrand und gehe kurz ins Wasser. Dann ab zur Zielverpflegung und Massage. Nachdem die verschrumpelten Füße etwas getrocknet sind, checke ich das Rad aus und ab ins Auto.

Zurück im AirBnB spüre ich, wie heiß der Körper immer noch ist. Micha lässt ihre Qualitäten als Krankenschwester spielen und legt nasse Lappen auf. Das fühlt sich gut an. Allerdings ist der Puls auch im Liegen noch viel zu hoch, sodass ich eine Schlaftablette nehmen muss, um einschlafen zu können.

PS: Danke an Michaela für die Fotos von der Strecke! Da ich vom Rennverlauf verständlicherweise nicht gerade begeistert bin, kaufe ich diesmal keine offiziellen Rennfotos (die sind ohnehin ziemlich überteuert).

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