Radtour nach Auerswalde: Der etwas andere Wochenend-Ausflug

Würzburg Auerswalde Radtour Rennrad Entfernung

 

Es war eigentlich nur eine verrückte Idee. So wie viele Projekte mit verrückten Ideen beginnen.

 

Die Vorgeschichte

Im Jahr 2009 bin ich nach dem Studium von Chemnitz nach Würzburg gezogen. Nun war mein Heimatort Auerswalde nicht mehr 10, sondern 300 Kilometer entfernt. Wenn also Besuche bei meinen Eltern anstanden, dann mit dem Auto, keine Frage. Oder?

Im Jahr 2010 hatte ich mein erstes Rennrad gekauft. Ein Jahr später war ich halbwegs fit und dachte zum ersten Mal an die absurde Idee, dass man – rein theoretisch – auch mit dem Rad von Würzburg nach Auerswalde fahren könnte.

Kurzerhand fuhr ich die Strecke als Test mit dem Auto ab. Normalerweise braucht man rund 3 Stunden auf dem direkten Weg über die Autobahn. Auf den Landstraßen kann es nicht viel länger dauern, oder? Weit gefehlt. Soweit ich mich erinnere waren wir am Ende locker 6 bis 7 Stunden unterwegs und am Ende völlig entnervt und müde von der ewigen Fahrerei. Umleitungen, Schnellstraßen mit Radfahrverbot und kleinere Städte und Ortschaften mit Ampeln und 30er Zonen rauben einem den letzten Nerv.

Das Fazit damals: Mit dem Fahrrad an einem Tag unmöglich! An 2 Tagen wäre es aber machbar mit Übernachtung irgendwo auf halber Strecke zum Beispiel in Hof. Und so geriet die Idee zunächst in Vergessenheit. Oder besser gesagt wurde das Ganze auf unbestimmte Zeit verschoben.

Vor 2 Jahren ein neuer Anlauf. Ich traf einen Triathleten in Würzburg, der auch Familie in der Nähe von Auerswalde hat (in Rochlitz). Wir hatten vor, die Tour mal irgendwann zusammen zu fahren – leider ist daraus aber nie etwas geworden. Bei manchen Plänen sind zwei Leute eben einer zuviel. Also wurde es wieder nichts.

Dann kamen meine großen Radtouren an der US-Westküste und in Neuseeland. Und damit das Selbstvertrauen, auch lange Strecken fahren zu können. Ich schaffte dort zum Teil Strecken von über 200 Kilometer am Tag über hügeliges Gelände – und das nicht gerade ausgeruht. Die Etappe nach Auerswalde würde ja ohne echte Vorbelastung beginnen. Also warum eigentlich nicht?

 

Jetzt oder nie?

Hinweis: Die Karte stimmt nicht zu 100% mit meiner geplanten Route überein. Genauer bekommt man es auf Google Maps aber leider nicht hin. Die genannten Zwischenstationen passen jedenfalls.

 

Wir schreiben den 2. Juli 2016. Zwar ist meine Radform nicht gerade optimal, da ich seit dem Ironman Südafrika im April gerade mal 2 Radtouren gefahren bin. Aber die Grundlagenausdauer sollte passen, sodass es wohl irgendwie zu schaffen sein müsste. Meine Sorge ist eher, dass es wegen des Rucksacks auf Dauer ziemliche Rückenschmerzen geben könnte. Oder, dass es vielleicht ein Unwetter gibt und ich abbrechen muss. Aber was soll‘s. Unwägbarkeiten wird es immer geben. Es wird Zeit, mal wieder etwas Verrücktes zu machen.

Fasbenderstraße in Würzburg, 05:05 Uhr. Knapp 4 Stunden geschlafen. Kurz vor Sonnenaufgang, es ist gerade hell geworden. Der Himmel locker bewölkt, die Temperatur optimal. Es sieht gut aus. Ich fahre los.

Die ersten Kilometer durch die Stadt sind angenehm. Fast keine Autos. Statt dessen sind noch ein paar Betrunkene von der Party-Nacht unterwegs. Ich fahre den Berg hoch nach Gerbrunn und weiter nach Rottendorf. Unterwegs erschrecke ich ein paar Feldhasen, die wohl nicht mit Frühaufstehern gerechnet hatten. Es geht nach Dettelbach und auf der Bundesstraße Richtung Bamberg. Die Sonne kommt raus. Die Vögel zwitschern, immer wieder Tiere auf den Wiesen neben der Straße, das Fahren macht Spaß!

Auf halber Strecke nach Bamberg der erste Zwangs-Stopp. Ein plötzlicher heftiger Regenschauer. Ich halte an einer Tankstelle und esse die ersten 3 meiner 10 Bananen, die ich eingepackt hatte. Nach 5 Minuten ist der Regen vorbei. Ich fahre weiter und wenig später ist auch die Straße wieder trocken.

Etwa 10 Kilometer vor Bamberg holen mich die Wolken erneut ein. Ich hatte schon einige Male nach hinten geschaut und befürchtet, dass es heute noch nass werden könnte. Und das wurde es. Diesmal war es leider kein kurzer Schauer und es gab auch keine gute Gelegenheit zum Unterstellen. Also was soll‘s, einfach weiter. Im Bamberg komme ich schön durchgeweicht an und machte einen Stopp, als der Regen sintflutartig wird. Noch nichtmal 100 Kilometer geschafft. Und der Himmel sieht alles andere als gut aus…

Der Regen lässt etwas nach und ich fahre weiter. Ganz so einfach werde ich nicht aufgeben. Ich navigiere so gut es geht durch das Industriegebiet im Norden von Bamberg, aber finde letztlich doch nur einen Feldweg aus der Stadt heraus (die Bundesstraße ist dort für Radfahrer verboten). Dann nochmal eine Buckelpiste durch die Baustelle bei Zapfendorf (aber besser als die Umleitung) und weiter Richtung Nordosten.

Jetzt wird endlich alles besser. Der Regen hört auf, die Straße wird trocken und es gibt leichten Rückenwind. Unterwegs überhole ich einen Radfahrer, der auf dem Radweg fährt (ich bin auf der Straße). Er sieht mich, lacht und zieht das Tempo an. Ich überlege kurz, ob ich ihn gewinnen lasse, da er mit dem Stadtrad keine Chance hat, entscheide mich aber für einen ordentlichen Antritt. Ein kurzes Sprint-Intervall schadet ja nie.

Kurz darauf die „Quittung“: Platten am Hinterrad. Da mich einige Autofahrer angehupt hatten, war ich auf den Radweg gewechselt. Ein Fehler, denn dort liegt jeder Mist herum. Nie wieder Radweg (sage ich nicht zum ersten Mal). Beim Schlauchwechsel mache ich mich an der Kette und am ungeputzten Rad ordentlich dreckig. Zehn Minuten später geht es weiter.

Ich fahre über Bad Staffelstein und Lichtenfels nach Kronach. Dort halte ich an einer Erdbeer-Verkaufsbude, futtere eine schöne 500-Gramm-Packung und quatsche mit dem Verkäufer. Der hat einen wahnsinnigen Dialekt und redet sehr schnell, was ihn aber nicht daran hindert, mir seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen. Das erlebt man auch nicht alle Tage. Noch schnell 2 Bananen und Riegel essen und weiter geht‘s.

Nun führen die Straßen erstmal ordentlich bergauf. Alles sehr abgelegen, aber landschaftlich ein schönes Teilstück. Und das Wetter wird besser – es ist bewölkt mit leichtem Rückenwind. Allerdings fühle ich mich jetzt zum ersten Mal etwas müde und erschöpft. Also erstmal Pause in Bad Steben für Kaffee und Apfelstrudel. Und natürlich wieder Bananen und Fruchtriegel. Ich hab das Zeug schließlich nicht umsonst mitgeschleppt.

Schon zum dritten Mal höre ich hier der Kommentar eines Fußgängers: „Sie haben sich aber heute nicht das beste Wetter ausgesucht“. Naja, um ehrlich zu sein könnte es durchaus noch schlimmer sein. Aber wer weiß, was noch kommt…

Das nächste Stück fahre ich etwas anders als geplant. Über Gefell, Syrau und Elsterberg fahre ich nach Greiz. Unterwegs sehe ich wieder viele Tiere: Einen großen Greifvogel (keine Ahnung, was für einer), Schafe und ein paar Rehe, die ich wohl aufgeschreckt habe. Wie schon in Neuseeland haben scheinbar viele Tiere mehr Angst vor den Radfahr-Geräuschen als vor dem gewohnten Brummen der Trucks und Autos.

In Reudnitz mache ich die nächste Pause. Diesmal gibt es etwa 15 Trockenpflaumen, 3 Riegel und meine letzten 3 Bananen. Zum Glück die letzten. Denn so langsam kann ich das Zeug nicht mehr sehen. Beim Weiterfahren stelle ich fest, dass es wieder zu regnen beginnt. Aber egal, es ist nun sowieso viel zu spät zum Umdrehen. Und es ist ja nur Wasser.

Doch leider wird das Wetter immer schlechter. Mit jedem Kilometer Richtung Zwickau schüttet es mehr. Als ich in die Stadt fahre, sind die Straßen mehr oder weniger überschwemmt – und ich schon lange komplett durchgeweicht. Es regnet nun so stark, dass ich schon aus Sicherheitsgründen eine Zwangspause einlegen muss. Zwar bin ich mit dem neongelben Regenüberzug am Rucksack für Autofahrer gut zu sehen, aber beim übelsten Wolkenbruch möchte ich mich darauf auch nicht verlassen. Hinzu kommt die Sturzgefahr durch die schieren Wassermassen, die auch gefährliche Schlaglöcher verdecken usw.

Ich halte bei einem Supermarkt und setze mich dort beim Bäcker zum Aufwärmen rein. Zum Glück habe ich wie immer die Regenjacke dabei, die ich nun anziehen kann, um nicht weiter auszukühlen. Die Bäckersfrau hat mangels Kundschaft wohl Langweile und erzählt mir etwa eine Stunde lang ihre halbe Lebensgeschichte. Währenddessen ziehe ich mir einen großen Kaffee, 3 Brötchen und einen Viertel Marmorkuchen rein. Der beste Moment: Sie fragt, wo ich denn herkomme. Würzburg? Heute?

Langsam lässt der Regen nach. Ich muss weiter. Die Hände zittern, mir ist richtig kalt. Also erstmal ein paar Kilometer lang richtig Druck machen, um wieder warm zu werden. Jetzt hab ich es fast geschafft, und die restlichen 40 Kilometer werden schon noch irgendwie gehen.

Doch das „kurze“ Stück bis Chemnitz ist nochmal richtig hart. Ständig geht es steil auf und ab. Außerdem nochmal 2 Baustellen mit Buckelpisten und Schotter. Aber alles besser als noch eine Umleitung zu fahren. Dann ist zum ersten Mal die markante „Esse“ in Sicht. Gleich geschafft. In Chemnitz nochmal nach einem Weg um eine verkorkste Straßensperrung suchen, hört das denn nie auf? Aber egal, jetzt lasse ich mir das Ding nicht mehr nehmen, und wenn ich den Rest schieben muss!

Die letzten 10 Kilometer. Eine vertraute Strecke vorbei am Metropol-Kino, der Kaßberg-Auffahrt und dem Stadtbad. Vorbei an der alten Schule (oder besser gesagt dort, wo sie mal stand). Vorbei an meinem früheren Fitnessstudio aus Schulzeiten, dass scheinbar vor kurzem schließen musste. Vorbei am Webstuhlbau, der „Esse“ und dem altbekannten Netto. Über die früher wie heute mit Schlaglöchern übersäte Straße nach Heinersdorf und die steile Rampe hinunter Richtung Draisdorf.

Und dann das letzte Stück zum Genießen. Die Chemnitztalstraße, vorbei am Ortseingang Wittgensdorf und der Sonnenland-Auffahrt. Ortseingangsschild Auerswalde. Rechts hoch, vorbei am Vorwerk und der alten Birke. 200 Meter Feldweg-Buckelpiste. Geschafft!

Es ist kurz vor 20 Uhr, als ich meine Uhr stoppe. 320 Kilometer, knapp 12 Stunden reine Fahrtzeit und rund 3 Stunden (Zwangs)Pausen. Insgesamt 2600 Höhenmeter überwunden und etwa 7600 Kalorien verbrannt. Was für eine Bilanz. Und was für eine Erlösung, endlich vom Rad abzusteigen, den Rucksack runternehmen und die Schuhe ausziehen zu können.

 

Würzburg Auerswalde Radtour Rennrad Entfernung

Endlich da! Alle haben schon gewartet. Ein richtiges Empfangskommitee 🙂

 

Fast die ganze Familie ist da. Ich dusche erstmal Unmengen an Dreck und Schmiere ab, dann gibt es ein super Abendessen. Speicher auffüllen. Dazu schauen wir das Deutschland-Spiel mit packendem Elfmeterschießen. Das war spannend, aber ich bin trotzdem fast eingeschlafen 🙂

 

Fazit: Geht doch!

Wochenende Ausflug Würzburg Auerswalde Radtour Rennrad Entfernung

Hier der genaue Streckenverlauf anhand meiner GPS-Aufzeichnung der Radtour. Quelle: www.polarpersonaltrainer.com

 

Endlich mal wieder die Komfortzone verlassen. Die letzten 100 Kilometer waren hart, vor allem wegen des miesen Wetters und der ewigen Hügel. Aber ich war nicht am absoluten Limit (war auch nicht geplant, es sollte ja kein Rennen sein).

Es war es ein super Moment, die letzten Meter nach Auerswalde zu fahren. Und zu wissen, dass es tatsächlich gleich geschafft ist. Ironisch auch, dass dort sogar nochmal die Sonne rauskam!

Wichtig war, so früh wie möglich loszufahren. So hatte ich genug Zeitpuffer für eventuelle Pannen und Verzögerungen. Man kann nie wissen, was alles schiefgeht. Gut war auch, die schweren Sachen (Bananen!) so gut es ging in die Rahmentaschen am Rad zu packen und damit Gewicht am Rucksack zu sparen. Zwar schmerzten Arme, Schultern und Rücken auf der 2. Hälfte trotzdem, aber das lässt sich wohl auch ohne Rucksack kaum vermeiden.

Hier nochmal eine Zusammenfassung der Hindernisse und Umwege. Eines steht fest: Es kann sich keiner beschweren, dass nicht genug an den Straßen gebaut wird:

● Umweg aus Würzburg heraus (da sollte ich mich doch auskennen…)

● ca 3 km Matsch-Buckelpiste-Feldweg und (vergebliche) Radweg-Suche nördlich von Bamberg (Umgehung Bundesstraße wegen Radverbot)

● ca 1 km Buckelpiste durch Baustelle bei Zapfendorf (bitte keinen Platten – Glück gehabt)

● ca 2 km Umweg wegen Umleitung bei Hochstadt

● ca 3 km Umweg und Radweg-Suche bei Kronach

● 2x Buckel- und Schotterpiste durch Baustellen auf B 173 von Zwickau nach Chemnitz (wie viele denn noch!?)

● Suche Umgehung Baustelle Zwickauer Straße in Chemnitz

 

Und eine Liste meiner Streckenverpflegung:

● 10 Bananen

● 10 Obstriegel

● 500 g Erdbeeren

● 1 Apfelstrudel

● 15 Trockenpflaumen

● 1/4 Marmorkuchen

● 3 Brötchen

● 2,5 Liter Wasser

 

Zurück nach Würzburg geht’s aber mit dem Zug. Man soll es ja nicht übertreiben!

 

Fahrrad XXL Emporon Markthalle Chemnitz Hauptbahnhof Bahnhof Radkiste

Schnell noch eine leere Kiste im Radgeschäft Fahrrad XXL Emporon in der Markthalle besorgt. Danke! Dann alles verpackt und ab in den Zug zurück nach Würzburg.

 

PS: Leider habe ich auf der Tour keine eigenen Fotos geschossen. Erst war es nicht hell genug, dann hab ich es vergessen, danach war es zu nass. Und am Ende hatte ich keine Lust mehr für Fotos. Nächstes Mal 🙂

4 Kommentare zu Radtour nach Auerswalde: Der etwas andere Wochenend-Ausflug

  1. sehr coole Tour – echt Respekt! Lese deine Beiträge immer sehr gern und bin dann auch gleich wieder motiviert zu fahren 😀

  2. Benni Schm sagt:

    Wieder mal super geschrieben! 🙂 Eine echt sau coole Tour! Ich bin auch gerade am überlegen ob ich im September eine Tour von Köln über Wiesbaden nach Württemberg in die Heimat mache …320km :))

    • MarkoMarko sagt:

      Klar Benni, versuch es. Muss aber möglichst zwischen Mai und spätestens Anfang August sein, sonst ist es nicht lange genug hell falls es unterwegs länger dauert. Mit Licht geht zwar (hatte ich für den Notfall auch dabei), aber nicht gerade ideal…

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