Vortrag Uwe Wagner: Prognosen und Erwartungshaltung im Trading

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Am 12. November war ich auf der VTAD Mitgliederversammlung. Nach den üblichen Formalitäten und reichhaltigem Mittagsbuffet gab es einen mehrstündigen Vortrag von Trading-Profi Uwe Wagner. Es ging dabei um unsere Prognosefähigkeit und die Möglichkeiten zum Einsatz der Erwartungshaltung im Trading.

Das klingt auf den ersten Blick vielleicht nicht gerade nach dem Heiligen Gral. Doch man täuscht sich leicht. Ich denke, dass hier einige der entscheidenden Punkte behandelt wurden, um die es im Trading geht.

Hier meine Notizen aus dem Vortrag. Zum Teil habe ich ein paar eigene Interpretationen und Schlussfolgerungen ergänzt:

● Wer auf kürzerem Zeithorizont handelt, hat weniger mögliche Risikofaktoren. Intuitiv würde man das nicht erwarten. Aber aufgrund des kurzen Zeithorizonts gibt es weniger komplexe Möglichkeiten für weitere Entwicklung als beispielsweise bei Halten über Tage oder Wochen, wo im Prinzip alles Mögliche passieren kann.

● Trading-Techniken funktionieren nur, wenn sie – idealerweise erst anschließend – von ausreichend vielen anderen Marktteilnehmern in ähnlicher Weise mitgehandelt werden. Deswegen kann es sein, dass komplizierte, ausgefeilte Techniken trotz hohem intellektuellem Input in der Praxis nicht funktionieren, aber scheinbar lächerlich einfache Ansätze eine ausreichende Anhängerschaft finden und sich entsprechend auszahlen.

● Die Ursache einer Kursbewegung ist nie ein Signal oder ein Chartmuster. Man muss immer die Menschen und ihre Beweggründe sehen, die „unsichtbar“ dahinter stehen. Uwe Wagner bringt den Vergleich zu Blättern an einem Baum, die nicht der Baum selbst bewegt, sondern der Wind. Entscheidend ist daher die Frage, welche Akteure mit welchen Motiven und Restriktionen aktiv sind.

● Je höher der rückkoppelnde Einfluss des Menschen auf ein System ist, desto geringer ist die Prognosefähigkeit dafür. Zum Beispiel hat der Mensch keinen Einfluss auf die Naturgesetze, sodass die damit verbundenen Aussagen extrem präzise und sicher sind („Wenn ich den Stein loslasse, wird er nach unten fallen.“). Ganz anders dagegen in der Wirtschaft (geringe Prognosefähigkeit) und erst recht an der Börse (nahezu keine Prognosefähigkeit). Der Grund ist, dass hier potenziell jeder Einzelne das System rückkoppelnd wiederum selbst beeinflusst (Reflexivität). Im Ergebnis ist der Markt ein komplexes, nicht prognostizierbares Kollektiv, das ständig mit sich selbst in Wechselwirkung steht. Mit anderen Worten: Die Börse ist wie ein Sandhaufen, in dem jedes Sandkorn sich selbst bewusst ist und auf seine Umwelt reagiert. Niemand kann wissen, wie sich das gesamte Gebilde verhalten wird.

● Die Börse bietet unserem Gehirn anfangs keine Orientierungspunkte. Diese müssen erst im Lauf der Zeit durch Erfahrung (mühsam) gesammelt werden. Zudem lernt unser Gehirn, bestimmte Muster anhand von Analogien unbewusst zu erkennen, woraus sich eine Intuition im Trading entwickeln kann. Ohne solche Orientierungspunkte fühlen wir uns „verloren“ am Markt, allein und ohne Orientierung in einer als feindlich wahrgenommenen Umgebung. Ich bin mir sicher, dass jeder Trader dieses Gefühl kennt. Selbst nach Jahren Trading-Erfahrung gibt es immer wieder Situationen, zu denen wir keine Blaupause haben. Dann fühlen wir uns hilflos – einfach nur deswegen, weil uns die Orientierung im Umgang mit der ungewohnten Situation fehlt.

● Ein Vorteil, der vielen Tradern nicht bewusst ist: Wir sind uns alle sehr ähnlich, denken und lernen fast gleich, haben ähnliche Bedürfnisse und Ängste. Und wir alle beginnen an der Börse ohne greifbare Analogien und Orientierungspunkte, die wir erst erlernen müssen. Das Wissen, dass die anderen letztlich so sind wie wir selbst, versetzt uns in die Lage, deren Denken und Verhalten zu prognostizieren. Uwe Wagner sagt, dass diese Fähigkeit das Einzige (!) ist, was uns überhaupt zum erfolgreichen diskretionären Trading befähigt. Dieser Mechanismus ist außerdem nicht durch Computer-Algorithmen reproduzierbar. Es ist sozusagen unser einziger, zutiefst menschlicher Vorteil, den wir am Markt finden können.

 

Im zweiten Teil des etwa 3-stündigen Vortrags ging es um den DAX. Hier wurde es deutlich konkreter. Beispielsweise erzählt Uwe Wagner, dass es 4 große Gruppen gibt, die im DAX aktiv sind und welche Strategien Sie verfolgen:

● Finalkunden (langfristig orientiert, nehmen als einzige nachhaltig Stücke aus dem Markt bzw. geben sie rein)

● Kurzfrist-Trader (können den Markt nur leicht bewegen und versuchen, den großen Orderflow zu erkennen und für sich zu nutzen)

● Arbitrageure (Index-Arbitrage zwischen Kassa-Aktien und DAX-Future)

● Optionshändler

 

Entscheidend für die wirklich großen Bewegungen sind die Finalkunden. Wenn Kurzfristhändler unter sich sind, gibt es eher technische Bewegungen, bei denen zurückgelegte Kursveränderungen später oft wieder zurückgenommen werden, da die Positionen nicht dauerhaft ausgelegt sind.

Großen Einfluss hat der Optionsmarkt beim DAX. Konkret das Open Interest an bestimmten Marken (die Details der Begründung habe ich leider nicht genau verstanden). Jedenfalls werden die Optionsdaten täglich veröffentlicht, was eine super Sache für die Analyse ist. Insgesamt ist der DAX relativ betrachtet einer der weltweit am stärksten von Derivaten überbauten Märkte.

Insgesamt also spannende Punkte auch im zweiten Teil des Vortrags. Aus meiner Sicht sind aber die Erkenntnisse aus dem ersten Teil entscheidend! Vielen Dank dafür an Uwe Wagner (der übrigens auch im Triathlon aktiv ist, wie er mir letztes Jahr im Interview erzählte).

2 Kommentare zu Vortrag Uwe Wagner: Prognosen und Erwartungshaltung im Trading

  1. Christoph Simon sagt:

    Grundsätzlich kann ein Scalper von einem Scalper scalpen lernen und die Denkweise und Philosophie dahinter.

    Aber ein Scalper kann anderen nicht das nicht-scalpen beibringen.

    Uwe Wagner ist ein Scalper (teils 60 Trades pro Tag).

    Ein sehr guter sogar. 🙂

    Fazit:
    Mit Aussagen von einem Scalper muss ein Nicht-Scalper vorsichtig umgehen.

    • MarkoMarko sagt:

      Stimmt, Scalping ist unheimlich herausfordernd und schwer. Einige allgemeine Dinge aus dem ersten Teil des Vortrags sind aber sicher für alle Zeitebenen interessant.

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