Warum investieren so wenige Menschen am Aktienmarkt?

Der Anteil der an den Aktienmärkten investierten Menschen an der Gesamtbevölkerung ist niedrig. Selbst in den kapitalmarktaffinen USA sind rund zwei Drittel aller Haushalte nicht direkt in Aktien invesiert. [1] Das Risiko und die Unsicherheit der Aktienanlage allein liefern keine ausreichende Erklärung für die geringe Partizipationsquote, die als sogenanntes “Participation Puzzle” bekannt ist.

 

Aktienquote Länder

Die Grafik zeigt, wie hoch der Anteil der direkt am Aktienmarkt investierten Bevölkerung in verschiedenen Ländern ist. Quelle: Guiso / Sapienza / Zingales (2008), Trusting the Stock Market

 

 

In den vergangenen 30 Jahren ist die Ungleichverteilung des Vermögens in der Bevölkerung dramatisch angestiegen. Studien haben gezeigt, dass der Aktienmarkt bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Denn im Durchschnitt sind Menschen, die am Aktienmarkt investieren, wohlhabender als andere – und diese Differenz wächst durch die an den Märkten langfristig positiven Renditen weiter an. [2] Um eine Zunahme der Ungleichverteilung zumindest abzuschwächen, müssten sich die nicht investierten Bevölkerungsschichten sehr viel stärker am Aktienmarkt engagieren.

Doch warum passiert das nicht? Eine im Journal of Finance veröffentlichte Studie zeigte, dass die Partizipation am Aktienmarkt mit zunehmendem Intelligenzquotienten steigt. [3] Und zwar interessanterweise unabhängig (!) von Faktoren wie Vermögen, Einkommen, Alter und Geschlecht. Mit zunehmendem IQ halten Menschen außerdem nicht nur einen höheren Anteil an Aktien und Fonds, sie tragen dabei aufgrund besserer Diversifikation nur überwiegend moderate Risiken. Die Forscher schlussfolgern, dass Menschen mit niedrigerem IQ und entsprechend niedrigerer Partizipation am Aktienmarkt langfristig geringere Renditen erzielen. Diese Differenz – vergrößert durch den Zinseszinseffekt über viele Jahre – trägt dazu bei, dass sich der Vermögensunterschied dadurch stärker ausweiten kann, als allein durch direkte Einkommensunterschiede erklärbar wäre.

 

Aktienanteil Aktienquote IQ

Die Grafik zeigt den Anteil der Menschen auf einer IQ-Skala von 1 (niedrig) bis 9 (hoch), unterteilt in am Aktienmarkt investierte (graue Balken) und nicht investierte Menschen (weiße Balken). Es wird deutlich, dass die Partizipationsquote am Aktienmarkt mit zunehmendem IQ erheblich ansteigt. Quelle: Grinblatt / Keloharju / Linnainmaa (2011), IQ and Stock Market Participation

 

Im Fazit ihrer Studie verweisen die Autoren auf andere Untersuchungen, die zeigten, dass Menschen mit niedrigem IQ – wenn sie doch am Aktienmarkt partizipieren – häufiger Fehler machen, höhere Risiken eingehen und größere Handelskosten tragen. Auch treten in dieser Anlegergruppe ungünstige verhaltensbasierte Phänomene wie der Dispositionseffekt (Gewinne mitnehmen, Verluste laufen lassen) häufiger auf. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass sich all das negativ auf die Renditeaussichten auswirkt.

Ein weiterer Brennpunkt für die niedrige Quote ist das mangelnde Vertrauen in die Kapitalmärkte. Während die Finanzmarkttheorie diesen wichtigen Faktor bisher vernachlässigte, zeigt sich in der Praxis vor allem in Krisenzeiten die entscheidende Bedeutung von Vertrauen. Ein im Journal of Finance veröffentlichtes Paper kommt zu dem Schluss, dass mangelndes Vertrauen niedrige Partizipationsraten am Aktienmarkt erklären kann, selbst wenn sonst keine anderen Barrieren vorliegen. [4]

Und das ist noch nicht alles. Man mag es kaum glauben, aber repräsentative Studien in Italien haben ergeben, dass sich ein deutlicher Teil der Konsumenten überhaupt nicht bewusst ist, dass einfache Finanzinstrumente wie beispielsweise Aktien und Fonds existieren. [5] Das Bewusstsein der Menschen über Anlagemöglichkeiten ist umso höher, je besser deren Bildung, Vermögen und Einkommen ist. Die Autoren vermuten, dass die Partizipation sofort stark zunehmen würde, wenn nur alle Menschen die Möglichkeiten erkennen und verstehen würden.

Interessant ist schließlich noch eine finnische Studie, die zeigt, dass die Partizipation mit der politischen Gesinnung zusammenhängen kann. Moderat linksgerichtete Menschen besitzen demnach mit einer Wahrscheinlichkeit von 17 bis 20% weniger Aktien als moderat Rechtsgerichtete. [6] Die Autoren schlussfolgern, dass persönliche Werte eine Rolle beim Participation Puzzle spielen, die bis hin zu einer „Aktienmarkt-Aversion“ führen kann.

 

Fazit

Mangelnde Finanzbildung, fehlendes Vertrauen und eine politisch eher linke Einstellung erklären die niedrige Partizipation. Langfristig hat dies die ohnehin gegebene Ungleichverteilung des Vermögens in der Gesellschaft weiter verstärkt.

Quellen:

[1] Antoniou, C. / Harris, R. / Zhang, R. (2013), Ambinguity Aversion and Stock Market Participation: Evidence from Fund Flows, University of Exeter Business School.

[2] Favilukis, J. (2012), Inequality, Stock Market Participation, and the Equity Premium, London School of Economics.

[3] Grinblatt, M. / Keloharju, M. / Linnainmaa, J. (2011), IQ and Stock Market Participation, The Journal of Finance Vol. LXVI No. 6.

[4] Guiso, L. / Sapienza, P. / Zingales, L. (2008), Trusting the Stock Market, The Journal of Finance Vol. LXIII No. 6.

[5] Guiso, L. / Japelli, T. (2005), Awareness and stock market participation, CFS Working Paper.

[6] Kaustia, M. / Torstila, S. (2010), Stock market aversion? Political Preferences and Stock Market, Aalto University.

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