Interview mit Wolfgang Fasching: Russia Coast to Coast

Wolfgang Fasching Extremsport Ausdauersport Radmarathon Russland Russia Coast

Quelle: www.fasching.co.at, Copyright: EOS

 

Wolfgang Fasching ist Extremsportler im wahrsten Sinne des Wortes. Er nahm bereits 8 Mal am berüchtigten Radrennen „Race Across America“ teil und konnte 3 Mal gewinnen. Im Jahr 2014 legte er noch eins drauf und fuhr mit dem Rad von Wladiwostok im letzten Südost-Zipfel Russlands an der Pazifikküste in nur 21 Tagen (!) knapp 10.000 km bis St. Petersburg am Golf von Finnland. Erst vor kurzem habe ich mir dazu die Dokumentation „Russia Coast to Coast“ angesehen, die das Projekt begleitete. Einfach unglaublich. Wer sich die Story anschauen möchte, kann die DVD hier bestellen.

Letzte Woche habe ich mit Wolfgang Fasching telefoniert. Er war so nett, einige Fragen zu seiner Wahnsinns-Tour und seinem Sport im Allgemeinen zu beantworten – viel Spaß beim Lesen!

 

Marko: „Große Dinge beginnen immer mit einer Vision“, das ist der Leitspruch auf Ihrer Website. Was war Ihre Vision, die Sie dahin geführt hat, an extremen Ausdauer-Events teilzunehmen?
Wolfgang Fasching: Ich war schon als Jugendlicher sportlich, spielte Fußball und Tennis und ging Skifahren. Mit etwa 18 Jahren fing ich mit dem Radfahren an. Damals habe ich das Race Across America (RAAM) im Fernsehen gesehen, wo ein Österreicher (Franz Spilauer) gewonnen hatte. Ich war fasziniert und hatte seitdem immer den Traum, es einmal dahin zu schaffen. Und wenn man ein Ziel hat, dann findet man auch einen Weg. Anfangs bin ich klassische Radrennen mitgefahren, dann 24-Stunden-Rennen, und schließlich klappte es auch mit dem RAAM. Dass ich so oft und so erfolgreich teilnehmen würde, hätte ich am Anfang natürlich nie gedacht. Nebenher hatte ich immer meinen normalen Job als Einzelhandelskaufmann mit einigen Angestellten, aber konnte mein Training dennoch stets im Alltag einbauen.

Marko: Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Fahren im Peloton bei einem Radrennen und einem Einzelstart beim RAAM?
Wolfgang Fasching: Es ist ein ganz anderer Sport, und vom Kopf her braucht es eine völlig andere Einstellung. Ich wollte immer auf die lange Strecke, die sozusagen über das Maß hinausgeht. Im Hauptfeld eines Radrennens zu fahren war mir irgendwie zu steril, da gab es zu wenig Abenteuer. Außerdem hat man dort bestimmte Aufgaben zu erledigen, wie beispielsweise Wasserflaschen für andere Fahrer im Team vom Begleitfahrzeug zu holen.

Marko: Ihre Russland-Durchquerung erscheint übermenschlich: In 21 Tagen, 19 Stunden und 31 Minuten sind Sie knapp 10.000 km gefahren, also rund 460 km am Tag bei teils schwierigen Bedingungen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Wolfgang Fasching: Ich wusste ja vorher, was ansteht und hatte mich körperlich und mental darauf vorbereitet. Vom Trainingsumfang her waren es rund 20.000 km in den 7 Monaten von Januar bis Juli. Zum Beispiel habe ich Serien von 250 km an 10 aufeinanderfolgenden Tagen gefahren, und dann nochmal eine 300 km Tour oben drauf. Das ist untypisches Training, das auch in die Müdigkeit hineingeht, aber für mich ideal, um das Projekt schon vorab zu simulieren. Dabei versuche ich, im Training intensiver zu fahren, also in einem schnelleren Schnitt, damit es sich später bei der Umsetzung mit etwas langsamerem Schnitt leichter anfühlt. Zwar ist die Tour von der Distanz her viel länger, aber ich kann mit der niedrigeren Intensität dann sehr weit fahren, bis es wirklich an die Grenze geht.

 

Wolfgang Fasching Radtour Radmarathon Russland Russia Coast

Wolfgang Fasching unterwegs auf seiner Extremtour. Hier geht es gerade dem Sonnenuntergang hinterher in die Nacht hinein. Quelle: www.fasching.co.at, Copyright: Gregor Hartl

 

Marko: Wie schaffen Sie es, über Tage mit nur 2-3 Stunden Schlaf auszukommen? Leidet da nicht die Konzentration massiv und die Sturzgefahr steigt, vor allem nachts?
Wolfgang Fasching:
Ja, durchaus, ich hatte schon einige Mal Sekundenschlaf auf dem Rad. Wenn gar nichts mehr geht oder ich Halluzinationen bekomme, helfen nur noch Anhalten und ein Power Nap über 30 Minuten. Um dem vorzubeugen, ist ein gutes Pausenmanagement wichtig. Nachdem ich die ersten 36 Stunden durchgefahren bin, hatte ich einen Rhythmus mit rund 3 Stunden Schlaf nachts und nochmal 30 Minuten Power Nap tagsüber. Nach dem Aufstehen denkt man zwar trotzdem, dass überhaupt nichts geht, aber nach 30 Minuten im Sattel läuft es meist wieder ganz gut. Dabei konnte ich auch auf meine Erfahrung aus den RAAM-Rennen bauen. Ich wusste, wie es sich anfühlt, Tag und Nacht fast ohne Schlaf lange Strecken zu fahren, und dass nach jedem Tief wieder ein Hoch kommt. Vom Kopf her hilft es in diesem Momenten, sich ein Bild vom Ziel vor Augen zu halten und an die anfängliche Idee des Projekts sowie die vielen Trainingseinheiten zu denken. Wichtig ist auch, unterwegs nicht ständig zu hinterfragen, warum man das alles überhaupt macht, da man sonst zu negativ wird.

Marko: Was haben Sie eigentlich gegessen, um den enormen Kalorienbedarf zu decken?
Wolfgang Fasching: Ich habe in der Vergangenheit alles Mögliche ausprobiert und verwende heute eine Flüssignahrung der Marke „Ensure“, die häufig bei Krebspatienten oder Magersucht eingesetzt wird. Darin sind viele Kalorien und auch sonst so ziemlich alles, was der Körper braucht. Wichtig ist auch, dass ich es beim Fahren optimal vertrage. Etwa 90% meiner täglichen Ernährung war diese Flüssignahrung, insgesamt 596 Packungen, und nur ab und zu gab es mal etwas Festes wie Spaghetti, einen Schokoriegel oder Obst.

Marko: Was waren aus Ihrer Sicht die größten Risiken bei diesem Projekt?
Wolfgang Fasching: Das größte Risiko war ganz klar der Straßenverkehr in Russland, dem man als Radfahrer hilflos ausgeliefert ist. Nicht umsonst gibt es in dem Land jeden Tag im Durchschnitt 103 Tote (!) durch Unfälle. Die Menschen fahren zum Teil so aggressiv, dass ich manchmal das Gefühl hatte, dass ein Leben nichts zählt. Und das, obwohl die Russen auf unserer Tour ansonsten nett und gastfreundlich waren. Wir mussten also sicherstellen, dass ich stets durch unsere Teamfahrzeuge abgeschirmt wurde. Zusätzlich zum Verkehr waren die Straßen teils ziemliche Buckelpisten, weshalb ich für einige hundert Kilometer sogar aufs Mountainbike umsatteln musste. Und natürlich war es ein Risiko, dass ich nicht wusste, wie mein Körper auf eine doppelt so lange Strecke wie beim RAAM reagieren würde. Zum Glück hatte ich ein professionelles Team um mich herum, auf das ich jederzeit vertrauen konnte und das mich hervorragend unterstützte. Ohne das Team wäre das alles überhaupt nicht möglich gewesen.

Marko: Unterwegs hatten Sie Knieprobleme. Wie unterscheiden Sie „nur Schmerzen“ von einer ernsthaften Verletzung, bei der Sie abbrechen müssten?

Wolfgang Fasching: Wenn es Probleme gibt, muss man immer realistisch bewerten, was es genau ist. Es kann etwas rein Mentales sein, ein normales „Zwicken“ aufgrund von Überbeanspruchung, eine ernsthafte Verletzung oder eine Infektion bzw. Erkrankung. So etwas wie mit dem Knie hatte ich noch nie, aber wir waren zuversichtlich, dass es nur muskulär bedingt ist. Also machte ich weiter, während wir parallel alles Mögliche ausprobierten, um die Sache zu lindern. Am Ende hat eine enge Bandage geholfen, die ich dann fast bis ins Ziel getragen habe.

 

Wolfgang Fasching Kreml Moskau Radtour Radmarathon Russland Russia Coast

Zwischenstopp vor dem Kreml in Moskau. Quelle: www.fasching.co.at, Copyright: Gregor Hartl

 

Marko: Was denken Sie, welchen Anteil haben genetische Voraussetzungen für solche Leistungen?
Wolfgang Fasching: Ich denke, dass die körperlichen Voraussetzungen durchaus entscheidend sind. Aber je nach Situation kann auch der Kopf die wichtigste Rolle spielen, insbesondere wenn es ans Dranbleiben in schwierigen Phasen geht. Und oft ist es neben dem Körper und dem Kopf das Team, was mir dabei geholfen hat, meine Ziele zu erreichen.

Marko: Sie waren auch auf dem Mount Everest und den anderen höchsten Gipfeln der Kontinente. War das aus Ihrer Sicht schwieriger oder riskanter als die Extrem-Radtouren?
Wolfgang Fasching: Ein Berg ist immer gefährlicher als eine Radtour, aber nicht unbedingt schwieriger. Es gibt mehr Dinge, die schief gehen können, und bei denen es dann um Leben oder Tod geht – Lawinen, Wetterumschwünge, Gletscherspalten. Wenn man hoch oben auf einem Berg ist und ein Problem hat, kann man nicht einfach wie beim Radfahren anhalten und sich ausruhen, sondern muss um jeden Preis wieder bis ins Lager zurückkommen.

 

Wolfgang Fasching Mount Everest Bergsteigen Bergtour

Wolfgang Fasching vor der immensen Nordwand des Mount Everest. Quelle: www.fasching.co.at

 

Marko: Haben Sie schon neue Projekte für die Zukunft?

Wolfgang Fasching: Es gibt immer wieder neue Ideen und Projekte, die in der Entstehung sind. Es muss nicht noch extremer oder verrückter sein. Für mich ist wichtig, dass es ein Abenteuer ist, das ich zusammen mit einem Team umsetzen kann.

Marko: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viele spannende Abenteuer!

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