Optimiertes Reversal

Das kurzfristige Reversal wurde Anfang der 1990er Jahre im Zuge der Momentum-Forschung als antizyklischer Einflussfaktor entdeckt. Während sich Momentum prozyklisch auf einem Zeithorizont von meist 6 bis 12 Monaten abspielt, läuft das Reversal diesem Muster auf 1-Monats-Sicht entgegen.

Das bedeutet, dass die am stärksten gestiegenen (gefallenen) Aktien eine Gegenbewegung nach unten (oben) machen, bevor sie ihr vorheriges Momentum wieder aufnehmen. Deshalb wird in Untersuchungen zum Momentum-Effekt und darauf basierten Handelsstrategien oft ein Skip-Monat berücksichtigt. Die Positionen werden also 1 Monat verzögert eingegangen, um den mit dem Reversal verbundenen Renditenachteil zu vermeiden.

 

Scheinbar verschwunden

Es gibt auch Handelsstrategien, die das kurzfristige Reversal selbst ausnutzten. Allerdings wurde der Renditeeffekt im Lauf der Zeit immer schwächer, bis er vor rund 20 Jahren ganz verschwand. Das zeigen David Blitz, Bart van der Grient und Iman Honarvar im Paper „Reversing the Trend of Short-Term Reversal“. [1]

 

Dargestellt sind die Jahresrenditen des klassischen kurzfristigen Reversals am US-Markt. Mit der Zeit schrumpfte der Effekt zusehends. Vor rund 20 Jahren verschwand er scheinbar. Quelle: Blitz, D. / van der Grient, B. / Honarvar, I. (2023), Reversing the Trend of Short-Term Reversal

 

Wie der Titel der Studie bereits suggeriert, haben die Autoren aber Wege gefunden, mit denen sich das Reversal zumindest teilweise „wiederbeleben“ lässt:

● branchenneutrales Reversal: Der Effekt wird basierend auf Renditen berechnet, die um die jeweiligen Brancheneinflüsse der Aktien bereinigt sind.

● Residual Reversal: Der Effekt wird basierend auf Renditen berechnet, die um den Markt-, Size- und Value-Faktor bereinigt und um die Volatilität der verbleibenden Renditen skaliert sind.

 

Ein Beispiel: Angenommen, eine Aktie fällt um 15 Prozent, während der Markt im gleichen Monat um 10 Prozent sinkt. Die klassische Reversal-Strategie würde eine Long-Position in der Aktie anzeigen, also auf eine Gegenbewegung im Folgemonat setzen. Hat die Aktie aber ein Beta von 1,5, entspricht die Rendite genau dem, was angesichts der Marktentwicklung zu erwarten war. Bereinigt um diesen Faktor wäre das Signal also neutral und würde nicht umgesetzt.

 

Kurzfristiger als gedacht

Den Untersuchungen zufolge ermöglichen die verbesserten Strategien höhere Renditen als das klassische Reversal bei zugleich geringerer Volatilität. Und es gibt noch eine weitere Variante: Die Verkürzung der zugrundeliegenden Ranking-Periode auf 15, 10 oder 5 Handelstage. Auf diese Weise erhöht sich die mögliche Rendite so weit, dass sie auch im zuvor unprofitablen Zeitraum der letzten 20 Jahre positiv blieb. Das deutet darauf hin, dass sich das kurzfristige Reversal in Wahrheit auf einem deutlich kürzeren Zeithorizont als 1 Monat abspielt.

Doch die Renditen stehen vorerst nur auf dem Papier. Durch den noch kürzeren Zeithorizont verschärft sich zudem die Frage, ob das Reversal nach Kosten profitabel sein kann. Angesichts von sich schnell verändernden Rankings müssen sowohl das Long- als auch das Short-Portfolio wahrscheinlich jedes Mal vollständig neu bestückt werden. Selbst bei einem Ranking-Zeitraum von 1 Monat ergibt sich so ein Portfolioumschlag von bis zu 2400 Prozent im Jahr. Betragen die Transaktionskosten 0,25 Prozent, entspricht das bis zu 12 Prozent p.a. Die Renditen könnten in der Praxis also verpuffen. In diesem Fall bieten die vorgestellten Ansätze nur den Mehrwert, als Signale innerhalb komplexer Strategien zu dienen, die verschiedene Faktoren kombinieren.

 

Fazit

Selbst der ideale Zeithorizont des kurzfristigen Reversals von 5 bis 10 Tagen scheint kaum noch profitabel zu sein.

 

Hinweis: Eine frühere Version dieses Artikels erschien in Institutional Money.

 

Quelle:

[1] Blitz, D. / van der Grient, B. / Honarvar, I. (2023), Reversing the Trend of Short-Term Reversal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert