Schon lange wird diskutiert, ob Sell-Side-Analysen von Banken und Brokern bessere Anlageentscheidungen ermöglichen. Aus vielen früheren Studien geht hervor, dass sie im Durchschnitt keinen Mehrwert bieten. Außerdem sind ihre Kursziele im Mittel viel zu hoch. So schreiben Adam Farago, Erik Hjalmarsson und Ming Zeng (alle Universität Göteborg) in ihrem Paper „Analysts Are Good at Ranking Stocks“, dass die mittlere monatliche Konsens-Rendite von 1999 bis 2021 bei 2,2 Prozent lag. Tatsächlich realisiert wurden aber nur 1,15 Prozent. [1]
Analysten liegen mit ihren absoluten Einschätzungen regelmäßig daneben. (Erik Hjalmarsson, Professor of Finance, Universität Göteborg)
Aussagekräftige Rangordnung
Die Autoren haben ihr Paper aber nicht geschrieben, um eine weitere Kritik an Analysten abzuliefern. Ganz im Gegenteil. Sie stellen einen Untersuchungsansatz vor, der sie deutlich besser aussehen lässt: Die Rangfolge der von jedem Analyst bewerteten Aktien. Dabei ermitteln sie den Durchschnitt der Ränge über alle Analysten hinweg, von denen eine Aktie bewertet wird. Untersucht werden 12-Monats-Kursziele von US-Werten im Zeitraum März 1999 bis Dezember 2021. Das Ergebnis: Aktien mit hohen (niedrigen) Durchschnittsrängen schneiden besser (schlechter) ab.
Die implizite Rangfolge der Ratings ist sehr aufschlussreich für künftige Renditen. (Adam Farago, Associate Professor, Universität Göteborg)
Außerdem berechnen die Forscher für jeden Analysten bereinigte Kursziele bzw. darauf basierte Zielrenditen, die um den Mittelwert aller Prognosen des jeweiligen Analysten adjustiert und so relativiert sind. Danach werden diese Werte über alle Analysten gemittelt. Das ist ein gutes Maß für die relative Konsens-Bewertung, da verzerrende Effekte einzelner Analysten herausgerechnet sind. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind sehr ähnlich zur relativen Rangfolge-Betrachtung.
Praktische Einordnung
Die Einschätzungen von Sell-Side-Analysten werden von professionellen Marktteilnehmern kaum ernst genommen oder ganz ignoriert. Ein Grund dafür sind bisherige Studien, die in der Regel keinen Vorteil feststellen konnten. Das beschriebene Paper liefert einen Gegenentwurf. Demnach sind die absoluten Prognosen zwar tatsächlich kaum zu gebrauchen. Doch auf den zweiten Blick, gemessen an der relativen Rangfolge ihrer Einschätzungen, sind die Analysten besser als oft vermutet.
Weiterhin präsentieren die Autoren auf Basis ihrer Untersuchungen eine einfache Möglichkeit, um aus klassischen, verzerrten Konsens-Prognosen weitgehend realistische Einschätzungen zu machen. Dazu sind die in der Vergangenheit am stärksten nach oben verzerrten, optimistischsten Analysten bei einer Aktie aus der Betrachtung zu entfernen.
Fazit
Gemessen an ihrer relativen Rangfolge sind die Einschätzungen von Analysten besser als gedacht.
Hinweis: Eine frühere Version dieses Artikels erschien in Institutional Money.
Quelle:
[1] Farago, A. / Hjalmarsson, E. / Zeng, M. (2023), Analysts Are Good at Ranking Stocks, Universität Göteborg