Are You Trying Too Hard?

Trading automatisch systematisch diskretionär Wesley Gray alpha architects

 

Vor kurzem habe ich einen super Artikel von Dr. Wesley Gray gelesen. [1] Er ist ein Verfechter der systematischen Entscheidungsfindung und begründet diese Position in seinem Paper anschaulich. Da dieses Thema im Trading entscheidende Relevanz hat, möchte ich hier die wichtigsten Punkte zusammenfassen.

Der zentrale Punkt ist folgende Erkenntnis: Systematische Entscheidungen mit einfachen, quantitativen Modellen und einer begrenzten Anzahl an Parametern produzieren bessere Ergebnisse als diskretionäre Entscheidungen von Experten. Es werden 3 falsche (!) Annahmen genannt, die dazu führen, dass die Einschätzungen von Experten dennoch gefragt sind:

● qualitative Informationen erhöhen die Genauigkeit von Prognosen

● mehr Informationen erhöhen die Genauigkeit der Prognose

● Erfahrung und Intuition erhöhen die Genauigkeit der Prognose

 

Diese 3 Dinge sind quantitativ nicht haltbar. Letztlich werden wir fehlgeleitet von dem Gefühl, dass unsere Anstrengungen es wert sind, zu guten Entscheidungen zu führen – ohne dabei die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass dies vielleicht gar keinen Wert hat.

Dazu hat der Autor eine klare Meinung: Jeglicher mögliche Informationsvorteil diskretionärer Entscheidungen – der auch tatsächlich existieren kann – wird auf Dauer von den Kosten überkompensiert, die durch unsere verzerrte Wahrnehmung und verhaltensbasierte Fehlentscheidungen hervorgerufen werden. Wir sollten versuchen, Maschinen (oder im Trading entsprechend Handelssysteme) zu entwickeln, die weniger Fehler machen, statt immer neue Ausreden und Erklärungen für wiederkehrende menschliche Fehler zu suchen. Schon der visionäre und legendäre Science-Fiction-Autor Isaac Asimov, der seiner Zeit weit voraus war, sah die Maschinen als dem Menschen überlegen an.

Laut Dr. Gray hat die experimentelle Psychologie eines klar gezeigt: Menschen sind nicht in der Lage, zuverlässig zwischen Informationen zu unterscheiden, die die Genauigkeit einer Prognose tatsächlich erhöhen und solchen, die letztlich völlig überflüssig sind, aber fälschlicherweise nach subjektiver Einschätzung eine Verbesserung ermöglichen. Ohne Nachweis, dass diskretionäre Entscheidungen von Experten tatsächlich besser sind, bleibt nur die „Story“ um die jeweilige Person, die eine ziemlich unzuverlässige Basis für das Verbessern von Prognosen darstellt.

 

There is no controversy in social science that shows such a large body of qualitatively diverse studies coming out so uniformly … as this one [models outperform experts]. (Paul Meehl, US-Psychologie-Professor, 1986)

Fazit

Wir versuchen zu sehr, bessere Prognosen auf diskretionärer Basis zu treffen. Den Entscheidungsprozess an ein System abzugeben ist allerdings auch nicht leicht und erfordert eine große Portion „Humble Pie“, wie der Autor es nennt, also Bescheidenheit. Viele Menschen sind dazu nicht in der Lage. Aber um bessere Entscheidungen zu treffen, ist dieser Schritt letztlich unausweichlich.

Ein effektiver Entscheidungsprozess muss systematisch sein. Doch das einzige, was beim Menschen systematisch ist, sind seine Fehler und Schwächen. Dr. Gray empfiehlt daher, das Stock Picking Warren Buffett zu überlassen und rät allen anderen, die unter verhaltensbasierten Fehleinschätzungen leiden, in den Spiegel zu schauen und sich eine einfache Frage zu stellen: „Am I Trying Too Hard?“

Kommentar: Ich tendiere stark dazu, dem Autor zuzustimmen, bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob Intuition wirklich wertlos ist. Schließlich ist Intuition durch Erfahrung erlernte, unbewusste (!) Kompetenz. Ich denke, dass hier eventuell je nach Fachgebiet differenziert werden muss (auch beim Thema Trading). Klar ist aber, dass der Schritt hin zu mehr Systematik im Trading auf Dauer zu besseren Ergebnissen führt und uns zudem wieder ein gutes Gefühl statt permanenter Unsicherheit bringen kann – ein entscheidender Punkt. Letztlich kann das Optimum auch in der Mitte liegen, nämlich bei „systematischem diskretionärem Trading“. Ich denke, das könnte funktionieren, wenn die Rollen von Analyst und Trader gut ineinandergreifen, der Analyst aber dominiert.

 

Quelle: [1] Gray, W. (2014), Are You Trying Too Hard?, The Case For Systematic Decision-Making, alpha architect

4 Kommentare zu Are You Trying Too Hard?

  1. Klaus sagt:

    Hallo Marko,
    der Inhalt des Artikels passt genau zu meiner eigenen Erfahrung. Bei meinem früheren diskretionären Trading hatte ich stark schwankende und insgesamt sehr bescheidene Ergebnisse (auch bei sorgfältiger Planung). Nachdem ich seit fünf Jahren ein quantitatives System nutze, hat sich meine Performance drastisch verbessert.
    Eine der Voraussetzungen für das Erlangen von Intuition, nämlich das Erkennen und Erlernen von Mustern, ist beim Trading nach meiner Erfahrung sehr schwierig.
    Mit der Kombination von quantitativem mit diskretionärem Trading habe ich ganz schlechte Ergebnisse erzielt. Immer wenn ich meinte es besser zu wissen, als mein System, hat mich dies viel Geld bzw. entgangene Performance gekostet. Siehe hierzu auch den Artikel von James Montier auf der gleichen Website, http://blog.alphaarchitect.com/wp-content/uploads/2013/01/Painting-by-the-Numbers.pdf : „… At first this model worked just fine, generating signals in line with my own
    bearish disposition. However, after a few months, the model started to output bullish
    signals. I chose to override the model, assuming that I knew much better than it did
    (despite the fact that I had both designed it and back-tested it to prove it worked). Of
    course, much to my chagrin and the amusement of many readers, I spent about 18
    months being thrashed in performance terms by my own model.“

    Gruß, Klaus

    • MarkoMarko sagt:

      Danke Klaus! Das schwierige ist es, das wirklich zu akzeptieren. Man denkt immer, dieses eine Mal ist es anders, das löst die Fehler aus. Es gibt also vielleicht Intuition, aber leider genau falsch rum 🙂

  2. Toller Artikel Marko und wie immer super spannend! Ich glaube mit diesen Fragen haben wir uns alle schon beschäftigt und jeder muss auch seine eigene Antwort finden. Ich stimme insoweit mit Dr. Wesley Gray überein, dass viele sehr komplexe Entscheidungen unter Unsicherheit besser von Systemen gelöst werden können, weil der Mensch die Komplexität der einzelnen Variablen unterschätzt und dann schnell den klassischen „Fehlern“ der Verhaltenstheorie unterliegt.

    Für meine Welt heißt das, dass ich meine Analysen weitestgehend automatisch mache mit für mich schon erschreckend einfachen Ideen und Überlegungen und einem großen Maß an Bescheidenheit. Bei der Umsetzung dieser Analysen vertraue ich aber auf meine Intuition und kann belegen, dass diese das Gesamtergebnis verbessert hat. Am Anfang war das nicht der Fall aber in den letzten Jahren funktioniert es immer besser. Dabei sagt der Trader (Intuition) ob ich die vorher erstellte Analyse umsetzten will oder nicht. Ich glaube der große Vorteil daran ist, dass die Intuition nur einen Parameter bewerten muss und immer wieder die gleichen Bewertungen vollzieht. An rein intuitives Trading glaube ich nach 21 Jahren am Markt auch nicht mehr. Ich denke aber das die besten Trader der Welt immer auch ein Stück weit auf Ihre Intuition vertrauen.

    • MarkoMarko sagt:

      Danke André. Ich würde sagen, dass du mit 20+ Jahren Erfahrung nicht gerade der „durchschnittliche Trader“ bist, sondern weit darüber hinaus! Wäre spannend, mal eine Studie zu finden, die nur langjährige Profis untersucht. Beim Interview mit Linda Raschke kam es mir auch so vor, dass sie vor allem auf Erfahrung und Intuition baut. Ich denke zwar nach wie vor, dass Intuition ebenfalls auf Regeln basiert, aber auf so subtilen, dass nicht einmal der Trader selbst noch sagen kann, auf welchen genau. Das ist ja gerade ein Merkmal von Intuition: Dass man es einfach „weiß“, ohne zu wissen, warum – aber eben nur bei erfahrenen Profis, alle anderen lassen sich eher täuschen. Intuition ist wie du schon sagst eine Abkürzung zum komplexeren objektiven Entscheidungsprozess. Eine erstaunliche Fähigkeit des Gehirns, unbewusste Kompetenz zu entwickeln! Einziger Haklen bei der Sache: Man muss eben erstmal so lange Erfahrungen sammeln. Denn beim Einsteiger ist Intuition eher unbewusste Inkompetenz 🙂

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