Manche Handelsstrategien klingen einfach zu gut, um wahr zu sein. Selbst dann, wenn die Ergebnisse überprüfbar erzielt und beglaubigt wurden, sollte man skeptisch bleiben. Eine Studie von Carlo Zarattini und Andrew Aziz zeigt, warum: Hinter dem scheinbaren Erfolg könnte ein Martingale-Ansatz stecken. [1]
Ein Kartenhaus als „Heiliger Gral“
Bei dieser Methode werden die Einsätze nach jedem Verlust verdoppelt. Dabei genügt ein einziger Gewinn-Trade, um wieder im Plus zu sein. Beispiel: Nach einem Verlust von 100 Euro wird der Einsatz auf 200 Euro verdoppelt. Man verliert wieder, der Gesamtverlust beträgt 300 Euro. Nun wird der Einsatz erneut auf 400 Euro verdoppelt. Folgt jetzt ein Gewinn, bleibt unter dem Strich ein Plus von 100 Euro. Doch die Sache hat einen Haken: Sollten die exponentiell steigenden Summen das gesamte Handelskapital aufzehren, ist das Spiel vorbei. Früher oder später kommt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dazu. Man riskiert also letztlich alles, um relativ kleine Gewinne zu erzielen.
Allerdings lässt sich der Martingale-Ansatz für eine Illusion der Profitabilität nutzen. Die Autoren verwenden dafür ein System, das einmal am Tag zufällig Long oder Short handelt. Dabei werden sowohl ein Gewinnziel als auch eine Verlustbegrenzung im Abstand von 20 Cent vom Einstiegskurs gesetzt. Nach einem Verlust-Trade wird der Hebel verdoppelt und nach einem Gewinn auf 1 zurückgesetzt. Das Ganze wird dabei mit verschiedenen Konten umgesetzt, die unterschiedliche, statistisch unabhängige Signale erhalten. Denn das maximiert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Konto zufällig sehr gut läuft.
Im Paper simulieren die Autoren das Ergebnis anhand von 10 Konten mit Daten eines Nasdaq-100-ETF mit einem maximalen Hebel von 500 und Handelskosten von 0,05 Cent pro Anteil. Zwei Konten machen extreme Verluste, aber acht Konten liegen im Gewinn – davon sechs mit der Zielrendite von 20 Prozent.

Ein Konto entwickelte sich zufällig sogar so stabil, dass es aussah wie der Heilige Gral.

Profitable Täuschung
Mit den beglaubigten Ergebnissen des besten Kontos könnten Betrüger nun Kunden anwerben. Die Studie rechnet mit den Annahmen, dass 100 Kunden ein Konto mit je 10.000 US-Dollar eröffnen und jährlich 1 Prozent Verwaltungs- und 25 Prozent Performance-Gebühr zahlen. Kunden, die per Jahresende im Gewinn liegen, bleiben dabei und werben aufgrund ihres Erfolgs – so die Annahme – jeweils einen neuen Anleger an. Kunden, die Verluste erzielen, schließen ihr Konto dagegen und verschwinden.
Die Autoren simulieren die Entwicklung anhand historischer Daten ab dem Jahr 2013. Im ersten Jahr machen 77 Kunden Gewinn und 23 teils extreme Verluste. Insgesamt liegt das Minus bei 56.000 US-Dollar. Profitable Kunden zahlen dabei 47.000 US-Dollar an Gebühren und bringen 77 neue Opfer ins Spiel. Im zweiten Jahr landen 118 der nun insgesamt 154 Konten im Gewinn. Der Rest macht wieder hohe Verluste. Gleichzeitig steigen auch die erzielten Gebühren (73.000 US-Dollar). So setzt sich das Ganze fort. Zufallsbedingt schwankt der Anteil der Gewinner pro Jahr dabei zwischen 75 und 78 Prozent. Nach 10 Jahren haben der Simulation zufolge 13.668 Kunden investiert – und zusammen mehr als 7,5 Millionen US-Dollar verloren. Doch für die Betrüger hat es sich gelohnt: Sie erzielten 6,517 Millionen US-Dollar an Gebühren.
Solange die Kunden mit hohen Verlusten nicht anfangen, vorübergehend erfolgreiche Anleger zu warnen, steigt die Zahl der Kunden insgesamt an. Schließlich erzielen drei Viertel von ihnen in einem einzelnen Jahr eine Rendite von 20 Prozent. Das verleitet sie dazu, es weiterzuempfehlen. Was sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wissen: Früher oder später wird eine Reihe von Verlusten auch ihr Konto sprengen.
Natürlich ist das Ganze eine Simulation, die das Modell auf die Spitze treibt. Eines kann man daraus aber auf jeden Fall lernen: Wenn etwas zu gut aussieht, um wahr zu sein, dann ist es das meistens auch. Ganz besonders am Kapitalmarkt.
Fazit
Mithilfe des Martingale-Ansatzes lassen sich beglaubigte Gewinne erzielen, die auf einer Illusion basieren.
Hinweis: Eine frühere Version dieses Artikels erschien in Anleger Plus.
Quelle:
[1] Zarattini, C. / Aziz, A. (2023), The Art of Financial Illusion: How to Use Martingale Betting Systems to Fool People